Kultur : Dem Unwohl gesonnen

In Reinhard Heydrichs Welt: Laurent Binet schreibt gegen Jonathan Littells SS-Epos an.

Marianna Lieder

Eigentlich hatte Laurent Binet für seinen ersten Roman den Titel „Operation Anthropoid“ im Sinn. Der Pariser Verlag Grasset erhob Einspruch: Das klinge zu sehr nach Science-Fiction oder Robert-Ludlum-Thriller. Man einigte sich auf die zumindest für Franzosen unaussprechliche Buchstabenfolge „HHhH“, wobei auch im Original die Erklärung auf Deutsch dahintersteht: „Himmlers Hirn heißt Heydrich.“ Einem hartnäckigen Gerücht zufolge stammt der Slogan von SS-Reichsmarschall Göring. Noch heute streiten sich Historiker, wie sehr sich der NS-Polizeichef Heinrich Himmler, berüchtigt für seinen Hang zum Mystizismus und seine kleinbürgerlichen Umgangsformen, von seiner rechten Hand, dem parkettsicheren, berechnenden Reinhard Heydrich lenken ließ.

Heydrich stellte seine mörderische Effizienz nicht nur als Gestapo-Chef unter Beweis. Als Organisator der Wannsee-Konferenz ersann Heydrich die Logistik der „Endlösung“. Als Hitlers Stellvertreter im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ erhielt er den Beinamen „Schlächter von Prag“. Terrorstrategisch hochtalentiert, außerdem groß, blond, arrogant, sportlich, wagnerbegeistert – Heydrich war, abgesehen von seiner Fistelstimme, ein Nazi wie aus einem Nazi-Bilderbuch.

1942 starb er in einem Prager Krankenhaus an den Folgen eines Attentats. Als „Operation Anthropoid“ wurde der Anschlag von der tschechoslowakischen Exilregierung von London aus vorbereitet, verübt haben ihn die Soldaten Jan Kubis und Josef Gabcik. Gemeinsam mit fünf anderen Partisanen wurden sie kurz darauf in der Krypta einer Kirche hingerichtet. Bevor die Nazis das Versteck entdeckten, nahmen sie Rache und machten das Dorf Lidice dem Erdboden gleich.

Binet, der Heydrich als Titelunhold akzeptiert hat, skizziert dessen Wesen und Wirken in einer eigenwilligen Mischung aus akribischer Quellenauswertung, Minimalpsychologie, poetologischer Gewissenserforschung und burschikosem Tonfall – die Rolle des Protagonisten wird dem Erznazi allerdings ausdrücklich abgesprochen. So werden Heydrich zwar wiederholt „unbestreitbare Eigenschaften als Romanfigur“ attestiert, doch käme es einem Frevel gleich, ihn als literarisch gleichberechtigten Akteur neben den beiden Widerstandskämpfern Gabcik und Kubis auftreten zu lassen.

„Alles was ich über Heydrich erzähle, dient gewissermaßen als Bühnenbild“, schreibt der 1972 geborene Franzose, der es sich mit „HHhH“ zum erklärten Anliegen gemacht hat, einen Roman über das einzig erfolgreiche Attentat auf einen nationalsozialistischen Hauptfunktionär zu schreiben, ohne die historisch-moralische Dimension des Geschehens der Eigengesetzlichkeit der Literatur zu opfern.

Der Plan hat etwas, doch bei der Umsetzung wird es stellenweise arg prätentiös. Der Romancier Binet schwelgt regelrecht in Romanskepsis. Verwirrend ausführlich reflektiert er seine erzählerischen Skrupel. Doch der eigentliche Vorwurf richtet sich an den Schriftstellerkollegen Jonathan Littell. Auf die effektheischende Verwendung der historischen Kulisse des Bösen in den „Wohlgesinnten“ kommt Binet gegen Ende seiner 444 Seiten zu sprechen: Die aufgesetzte Amoralität von Littells Hauptfigur Max Aue sei denkbar weit entfernt von der fanatischen Geistesverfassung der Überzeugungstäter im Dritten Reich. In Wahrheit schildere Littell einen typisch zeitgenössischen Nihilismus. Sein historisch daherkommendes Skandalwerk sei „nichts anderes als Houellebecq bei den Nazis“.

Binet hingegen setzt auf die zeitgeschichtlichen Eigenheiten seiner Charaktere. Die heldenhafte Todesbereitschaft von Gabcik und Kubis ist für ihn nicht nur deren ureigenes Verdienst, sondern ebenso ein spezifisches Phänomen vergangener Tage, für die uns Heutigen die Urteilskompetenz fehlt. Völlig deplatziert wäre es, sich solchen Figuren gegenüber als allmächtiger Erzählergott à la Flaubert aufzuspielen. Doch scheitert Binets Roman gerade an seinen unablässigen auktorialen Demutsbekundungen. Die Geschichte, die davor bewahrt werden sollte, als Trumpf aus der literarischen Zauberkiste zu fungieren, verkommt zum Vehikel persönlicher Eitelkeit.

Laurent Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich.

Roman. Aus dem

Französischen von Mayela Gerhardt.

Rowohlt, Reinbek 2012. 444 Seiten, 19,95 €.

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