Kultur : Demagogie wagen

Deike Diening

über Schröder und die Macht der Rede

Historischen Umwälzungen geht bisweilen eine historische Rede voraus. Und als Signal des erhofften Aufbruchs aus dem deutschen Jammertal erwartet man morgen von Gerhard Schröder endlich die ruckreißende historische Rede. Red’ oder stirb! Doch dieser Bundeskanzler, der zwar als Medienprofi gilt, hat als Redner bisher nie brilliert. Im Gedächtnis haften von ihm keine historischen Worte – „Ich will hier rein“ war vor der Amtszeit und „Hol’ mir mal eine Flasche Bier“ nicht historisch. In der Regierungserklärung nach seiner Wiederwahl, wo viele schon mehr Mut, Schweiß und Tränen erwarteten, verquaste er nur ein (tatsächlich historisches) Kennedy-Zitat, das dann so klang: „Es geht nicht darum, immer nur zu fragen, was nicht geht. Es geht vielmehr darum zu fragen, was jede und jeder Einzelne von uns dazu beitragen kann, dass es geht.“ Nichts geht mehr, denkt man da und möchte, frei nach Willy Brandt, ausrufen: Mehr Demagogie wagen!

Was nun, das wird auch er sich fragen, zuhause in Hannover, macht eine Rede „historisch“? Ernst Reuter forderte „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“, Kennedy rief „Ich bin ein Berliner“, Martin Luther King verkündete immer wieder „I have a dream“, Richard von Weizsäcker dachte am 8. Mai 1985 wie noch kein Präsident Niederlage und Befreiung zusammen, und Roman Herzog hielt zumindest die originale Ruck-Rede. Was ist ihnen allen gemein? Dass trotz aller Fama von ihnen nicht viel mehr als ein Begriff, ein Appell oder ein Slogan übrig blieb.

Um das zu verstehen, sollte man die Rede im Zeitalter ihrer technischen Interpretierbarkeit betrachten. Zum einen wirft sich die Interpretationsmaschine Medien sezierend auf den Inhalt. Andererseits tragen die Medien in ihrem Zwang zur Verkürzung meist nur die Zuspitzung weiter. Also muss es gleich rucken in Deutschland, wenigstens semantisch. Das ganze Kunstwerk Rede, mitsamt seiner Kohärenz, seiner logischen Verknüpfung, seiner dramatischen Steigerung, nehmen oft nur die Anwesenden wahr. Im Gedächtnis der Gesellschaft bleibt sie jedoch, wenn ihre allgemein bewegende Aussage auf eine besondere, eingängige Zuspitzung hin verdichtet werden kann.

Nehmen wir also an, es kommt morgen auf die intelligente Zuspitzung an. Sind dann das Prinzip der historischen Rede und das Prinzip Schröder nicht doch verwandte Phänomene? Lange eiert er politisch herum, vertraut wie ein Kleist’scher Redner auf die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Aber wenn alles auf dem Spiel stand, lief er schon mehrmals zur Hochform auf. Wenn er in den Abgrund blickt. Morgen kann er sich nun um Kopf und Kragen reden.

„Was jede und jeder Einzelne von uns dazu beitragen kann, dass es geht“? Den Abstand zur rhetorischen Meisterschaft, was Präzision und Pathos angeht, zeigt die Originalversion von John F. Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst!“ Wir können Schröder auch noch Schopenhauer empfehlen, seine „eristische Dialektik“: von „eris“, griechisch „Streit“. Sie handelt, salopp gesagt, von der Kunst, argumentativ Recht zu behalten – selbst wenn man nicht Recht hat. Kompliziert aber wird es, wenn man es nur allen recht machen will. Das führt zur Selbstentmachtung – der Politik und des Wortes. Ein Moderator ist noch kein Rhetor.

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