Kultur : Demo gegen Rechts: "Die Mehrheit darf nicht länger schweigen"

Auszüge aus den vorab veröffentlichten Reden von Bundespräsident Johannes Rau und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht 1938 und der Berliner Demonstration gegen Rechtsextremismus am Donnerstag

Johannes Rau

"Wir beklagen fast Hundert Tote, die seit 1990 Opfer rechtsextremer Täter geworden sind. Junge deutsche Männer haben Ausländer, Behinderte, Obdachlose durch die Straßen gejagt, verletzt und zu Tode geprügelt. Das ist eine Schande für unser Land. Die Täter glauben oder behaupten gern, sie handelten im deutschen Namen oder im deutschen Interesse. Das ist eine Beleidigung für unser Vaterland und für alle anständigen Deutschen. Wir dürfen Patriotismus niemals mit Nationalismus verwechseln. Ein Patriot ist einer, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist einer, der die Vaterländer der anderen verachtet.

Die Täter sind nicht vom Himmel gefallen. Es sind unsere Kinder und unsere Nachbarn, es sind Mitschüler und Kollegen. Wir setzen heute mit dieser Kundgebung ein Zeichen. Aber Zeichen können das praktische Handeln im Alltag nicht ersetzen. Die ehrenamtliche Arbeit für ein friedliches Zusammenleben in unserem Land braucht die Unterstützung durch öffentliche Stellen, durch Verbände und Unternehmen. An der praktischen Unterstützung wird sich zeigen, ob wir nur reden oder ob wir wirklich handeln."

Paul Spiegel

"Heute vor 62 Jahren wurden in ganz Deutschland Synagogen und Gebetshäuser angezündet und geschändet, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert. Die Erinnerungen werden gegenwärtig, wenn wir die Bilder der letzten Wochen und Monate sehen. Was wir fast täglich erleben, hat nichts mehr mit Anfängen zu tun. Wir befinden uns bereits mittendrin im Kampf gegen Rechts. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit im Land Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ablehnt. Aber diese Mehrheit darf nicht länger schweigen. Jeder von uns ist in der Lage, die Polizei zu rufen. Und jeder von uns ist in der Lage, bereits im Kleinen einzuschreiten, in seinem Lebensumfeld. Wenn am Stammtisch abfällige Witze über Juden, Türken, Farbige und Schwule erzählt werden. Wenn am Arbeitsplatz ein Fremder benachteiligt, schlecht behandelt wird. Meine Damen und Herren Politiker: Überlegen Sie, was Sie sagen, und hören Sie auf, verbal zu zündeln!"

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