Kultur : Demo gegen Rechts: Schritt für Schritt

Holger Stark

Der Auftritt des Andreas Nachama beginnt an diesem 9. November um 16 Uhr 36. Gemessenen Schrittes tritt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aus der Neuen Synagoge auf die Oranienburger Straße, gefolgt von Johannes Rau, Wolfgang Thierse und anderen Politikern. Nachama ist eingehüllt in einen schwarzen, hochgeschlagenen Mantel; er trägt keine Kippa, wie Johannes Rau, sondern einen schwarzen, breitkrempigen Hut. Der 49-Jährige geht ohne aufzuschauen die wenigen Meter bis zum Mikrofon. "Die Namen der über 200 Persönlichkeiten hier dokumentieren, wie ernst wir den Umgang mit der Geschichte und Gegenwart nehmen", sagt er. Seine Rede dauert knapp fünf Minuten, den größten Teil nimmt die Aufzählung derjeniger ein, die im Gedenken an die Pogromnacht Kränze niederlegen. Nachama spricht nüchtern, kurz und unpathetisch. Andere werden später länger reden. Der größte Erfolg des Andreas Nachama ist, dass es diesen Tag in dieser Form gibt. Die eigene Rolle darin - zweitrangig.

Wie "auf einer Insel der Seligen" sei seine Kindheit gewesen, hat Andreas Nachama einmal gesagt. Das hat sich geändert, spätestens mit dem 25. Juni 1997. Seitdem steht der Wissenschaftler an der Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Und seitdem ist Andreas Nachama ein gut bewachter Mann, der einen wichtigen Teil seiner Zeit damit verbringt, mit der Polizei über die Sicherheit von Juden in Berlin zu verhandeln. Nachama hat das schon damals als unerträglich empfunden, als sich die öffentliche Aufmerksamkeit für rechte Anschläge noch in engeren Grenzen hielt. Als Unbekannte dann in der Nacht zum 6. Oktober Steine auf die Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer warfen, war das Maß voll. Noch am gleichen Tag, nach einem Solidaritätsgottesdienst, saß er mit der Grünen Renate Künast und Berlins SPD-Vorsitzendem Peter Strieder im Gemeinderaum zusammen. Irgendetwas, fanden die Drei, musste getan werden. Nachama wurde so etwas wie der spiritus rector; wenn Demonstrationen Eigentümer hätten, dann wäre diese Versammlung seine.

Der promovierte Historiker hat seit Anfang Oktober viel Energie in die Vorbereitungen gesteckt, verhandelt, geworben, diskutiert. Nachama kämpft auch um die Beteiligung der Konservativen, fast könnte man sagen: er bettelt. Die Grünen fanden, dass sich der bayerische Minsterpräsident Edmund Stoiber nicht gerade als erster Partner für tolerante Aktivitäten aufdränge. Schließlich hatte der CSU-Politiker 1991 von der "durchrassten Gesellschaft" gesprochen (die Äußerung allerdings später zurückgenommen) und mehrfach darauf hingewiesen, dass aus seiner Sicht "das Boot voll" sei; Stoiber und die CSU wurden also nicht zu den ersten Vorbereitungsfrühstücken eingeladen. Nachama schrieb deshalb später einen Brief an die bayerische Staatskanzlei und entschuldigte sich. Seitdem steht auch die CSU unter dem Aufruf. Dieser 9. November ist auch deshalb etwas besonderes: CSU und PDS traten einträchtig auf einer gemeinsamen Veranstaltung auf. Ein einzigartiger Anblick. Nachama freut das. Als er gegen 17 Uhr Edmund Stoiber an der Synagoge entdeckt, geht er noch einmal ans Mikrofon, um ihn zu begrüßen. Die Menge pfeift. Nachama ist das unangenehm, er sagt: "Wir sehen uns am Brandenburger Tor." Dann tritt er zur Seite.

Während die meisten Aufrufer dieser Demonstration "nur" aufstehen gegen Rassismus und rechte Gewalt, die Mehrzahl davon ohne betroffen zu sein, stellt sich an Tagen wie dem 9. November für die Jüdische Gemeinde jedes Jahr von neuem die Existenzfrage. Auch deshalb ist es Andreas Nachama so wichtig, dass all diejenigen dabei sind, "die das politische Spektrum der Bundesrepublik repräsentieren" - eben bis hin zu Edmund Stoiber. Um so wütender macht es ihn, wenn der Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm, CDU, sagt, statt zu demonstrieren könnten die Leute die Zeit besser für Bürgerarbeit nutzen. "So denkt der General, der vor Ort seine Schlachten schlägt", polterte Nachama zurück. Für ihn, der für den 9. November so auf Konsens ausgerichtet war, war das fast eine persönliche Beleidigung.

Im Gegensatz zu den vielen mehr oder weniger Prominenten gedenkt die Jüdische Gemeinde in jedem Jahr am 9. November. Nachama erinnert in seiner Rede daran, nicht lehrerhaft, sondern höflich und bestimmt. Mit der Revolution 1918, der Pogromnacht 1938 und dem Fall der Mauer ist der 9. November für Nachama der Tag dieses Jahrhunderts, "im Guten wie im Schlechten". Seine Hoffnungen für dieses Jahr war die "auf einen neuen, einen anderen 9. November" - ein hoher Anspruch an eine Demonstration. Wäre nicht in diesem Jahr alles anders, weil die Welle rechter Gewalt die Deutschen aus der Sommerruhe riss, hätte Andreas Nachama auch diesmal wieder mit einigen Hundert Nachdenklichen dagestanden. So wird es wohl auch im nächsten Jahr wieder sein.

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