Kultur : Demo gegen Rechts: Volksbegehren

Tissy Bruns,Armin Lehmann

Um zwölf Uhr mittags meldet sich niemand. Aber kurz vor zwei hat das Leben im Organisationsbüro zur Vorbereitung der Demonstration am 9. November begonnen. Nach zweimaligem Klingeln meldet sich: "Donnermeyer." Besonderes Glück, denn Michael Donnermeyer, im normalen Beruf Sprecher der Bundes-SPD, hat am Zustandekommen des Aufrufs und des Bündnisses mitgearbeitet und kennt sich aus. SPD-Generalsekretär Müntefering wird sich in den nächsten beiden Wochen mit Donnermeyers Stellvertreter begnügen müssen. Denn Donnermeyer wird ab sofort die Presse- und Medienarbeit für die Demonstration koordinieren. "Mit dem Vertrauen aller", wie er sagt. Wie er auf Nachfrage bestätigt, auch mit dem Vertrauen der CDU, die sich erst nach längerem Zögern dem Aufruf angeschlossen hat.

Michel Friedman ist CDU-Mitglied und zugleich Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er gehört zu denen, die hoffen, dass der Aufruf ein Signal wird. "Man darf die Demonstration nicht überbewerten. Dennoch ist sie in Erinnerung an den 9. November 1938 und angesichts der jüngsten Anschläge auf Synagogen in Deutschland eine Chance, ein Zeichen zu setzen." Friedman betonte aber: "Wenn eine gewisse Zahl an Teilnehmern unterschritten wird, ist das auch eine symbolische Aussage, allerdings nach hinten. Friedman glaubt indes, dass "viele Menschen, die bisher nicht wussten, wie sie ihre Empörung zeigen können, die Demonstration nutzen werden."

Am Mittwochnachmittag, kurz vor zwei, ist Michael Donnermeyer noch fast allein in der Tucholskystraße. Einer, den die Landes-SPD geschickt hat, ist gerade damit beschäftigt, die Fax-Nummern für den Verteiler zu programmieren, um die erste Einladung herauszuschicken. Die Hot-Line ist besetzt, an der Internet-Seite wird gebastelt. Donnermeyer fühlt sich "an früher" erinnert, an die Zeit der Friedensdemonstrationen, die in ähnlichen Büros mit sehr gemischten Teams vorbereitet worden sind. Alle beteiligten Organisationen haben Vertreter ins Büro geschickt oder werden es demnächst tun. Etwa zehn Menschen werden also ab heute in der Tucholskystraße die Maschinerie anwerfen, die zur Vorbereitung einer so großen Veranstaltung nötig ist.

Zwei vom PDS-Landesverband sind schon da, die Grünen haben jemanden geschickt, die Bundes-FDP stellt ihren Abteilungsleiter Organisation zur Verfügung. Eine Mitarbeiterzahl "mit wachsender Tendenz", sagt Donnermeyer. Denn je näher der Termin rückt, desto mehr Hände werden gebraucht. Den technischen Ablauf der Veranstaltung wird übrigens - anders als in den frühen 80er Jahren - eine professionelle Veranstaltungsagentur sichern. "Ja, da antworte ich gern", sagt Donnermeyer auf die Frage, wem das Büro eigentlich gehört. Räume, Kommunikationsmittel und Mobiliar hat die Deutsche Telekom den Veranstaltern gestiftet.

Als Medien-Profi weiß Donnermeyer das kurze Gespräch auch für sein Anliegen zu nutzen. Die Organisatoren möchten, dass die Berliner Zeitungen und Sender mit ihren Mitteln das Vorhaben unterstützen: Die erste Einladung, für die der Fax-Verteiler gerade eingerichtet wird, geht an die Berliner Presse. Das erste Briefing findet am heutigen Donnerstag statt. Unterdessen machen sich unabhängig von der Koordinierungsstelle die einzelnen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen Gedanken darüber, wie sie den Aufruf unterstützen können.



Grüne: Was die eigene Öffentlichkeitsarbeit für den 9. November angeht, befinden sich die Grünen noch in der Vorbereitungsphase. Aus der Parteizentrale war zu hören, dass man zurzeit Ideen sammelt. Dabei geht es in erster Linie um die Mobilisierung der eigenen Mitglieder. Die Landesverbände werden informiert. Und es gibt bereits Rückmeldungen aus einzelnen Landesverbänden, die mit Bussen nach Berlin kommen werden, um an der Groß-Demonstration teilzunehmen.



PDS: Die Sozialisten sind geschult, was die Mobilisierung der eigenen Basis angeht. Die neue Parteichefin Gabi Zimmer hat bereits einen Brief an die Mitglieder verschickt. Darin erinnert sie einerseits an den 9. November 1938, an dem in Deutschland "die Synagogen brannten". Zum anderen schreibt sie wörtlich in dem Brief: "Der 9. November ist auch Symbol für die Lebendigkeit deutscher Demokratie: An jenem Tag zerbrach im Jahre 1918 unter dem Ansturm der Novemberrevolutionäre das Kaiserreich, und am 9. November 1989 brachen die DDR-Bürger zu neuen Ufern auf. Wir sollten die Großveranstaltung in diese Tradition von Demokratie, Selbstbewusstsein, Vernunft und Zivilcourage stellen und mit vielen anderen Menschen aus Berlin und dem ganzen Land ein deutliches Zeichen setzen. Ich rufe euch auf, nach Berlin zu kommen." Die Partei will zudem auf ihrer Internetseite und in den Landeszeitungen für den Aufruf werben.



FDP: Guido Westerwelle, Generalsekretär der Liberalen, sagte dem Tagesspiegel: "Der Sinn dieses Tages ist es, der Welt zu zeigen, dass unser gesellschaftliches Immunsystem funktioniert." Westerwelle kündigte zugleich eine bundesweite Kampagne der FDP an. Man werde mit Vertretern der Wirtschaft in die Schulen gehen, um dort mit den jungen Leuten über die Problematik zu diskutieren. Ohnehin wolle man als Partei direkter auf junge Menschen zugehen. Mit diesem Vorhaben begründete Westerwelle auch sein umstrittenes Auftreten in der Fernsehsendung "Big Brother". "Wir wollen das auch über die Medien schaffen", sagte Westerwelle. Unabhängig von der Kampagne werde man innerhalb der Partei in den kommenden Tagen die Mitglieder informieren und sie auffordern, am 9. November auf die Straße zu gehen.



Kirchen: Auch die katholische und evangelische Kirche in Deutschland haben den Aufruf nach anfänglich leichter Skepsis unterzeichnet und stehen nun inhaltlich voll hinter der Aktion. Die Evangelische Kirche will nun vor allem weitere Unterzeichner gewinnen. Dabei werden insbesondere so genannte Multiplikatoren gefragt. Auch die katholische Kirche will die eigenen Mitglieder motivieren. Im parteiübergreifenden Koordinierungsbüro sind auch zwei Kirchenmitarbeiter eingebunden.



DGB: Der Deutsche Gewerkschafts-Bund sitzt ebenfalls mit einem Vertreter im zentralen Koordinierungsbüro. Darüber hinaus werde man die eigenen Gewerkschaftskanäle nutzen, um die Mitglieder zu informieren, heißt es. Ein Sprecher sagte, man habe bereits per Mail alle Einzelgewerkschaften informiert.



CSU: Den Aufruf an sich könne man unterstützen, heißt es aus München. Die CSU unterstütze, so ein Sprecher, ohnehin jede Bekundung gegen "Rechts wie auch Links". Doch als Partei wolle man bisher nicht an der Demonstration teilnehmen. Der Grund: In Bayern ist man ein wenig eingeschnappt. Denn niemand habe die CSU gefragt, auch nicht eingeladen. Bisher. Deshalb betont die CSU lieber ihr Engagement gegen die NPD. "Aufrufe sind zwar wichtig, sagt ein Parteisprecher, "politisches Handeln aber muss dazukommen." Der Sprecher wollte aber auch nicht ausschließen, dass zumindest einzelne Mitglieder der CSU an der Kundgebung am 9. November teilnehmen.

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