Kultur : Demografie ist machbar, Frau Nachbar Familie als Drama:

„Die Probe“ am DT

Jan Oberländer

Der Dino steht am Ende klein und bunt und plüschig auf der Bühne herum, daneben ein einsamer alter Mann mit der Füßen in der Fußbadschüssel und drischt Politikerphrasen, „die Jugend ist die Zukunft!“, während vom Band ein Baby quakt. Denn der armrudernde Greis, der „brave Simon Korach“ – so der Untertitel von Bettina Bruiniers Inszenierung von Lukas Bärfuss’ Stück „Die Probe“ – ist selbst akut vom Aussterben bedroht.

Peter Rühring spielt Simon als Würstchen, erkennbar an den eingeschweißten Minisalamis, die er ständig mampft. Sein Sohn Peter (Henning Vogt) hat den Abend eröffnet, mit Wollmütze und einer sarkastisch-abgenervten Hasstirade auf seine Frau Agnes (Katharina Schmalenberg), die ihm ein Kuckuckskind untergejubelt hat, das weiß Peter jetzt, ihm wurden Zweifel eingeflüstert, er hat die Probe gemacht. Simon hat keine Zeit für Peters Probleme, es ist Wahlkampf und vielleicht die letzte Gelegenheit, den Erzrivalen Gruber zu besiegen. Der adrette Ex-Alki Franzeck, Simons Assistent, will sich derweil von seinem Chef, der ihn aus der Gosse geholt hat, adoptieren lassen. Franzeck, der gegelte Intrigant: Peter, vielleicht bist du gar nicht der Vater deines Kindes? Die Franzeck-Zecke, der Selfmade-Kuckuck. Irgendwann lösen sich auch andere verwandtschaftliche Gewissheiten auf. Als Peter bei einem Unfall stirbt, will Agnes ihr eigenes Kind nicht mehr. Und hatte nicht Simons Frau Helle (Gabriele Heinz) auch mal was mit einem anderen Mann?

Zweifel über Zweifel. Doch worum geht’s eigentlich? Um die neuesten Entwicklungen der Biotechnologie nicht, um demografische Probleme nicht, und um die Hohlheit von Politikerphrasen ja wohl bitte sowieso nicht. Vielleicht schon eher darum, dass man keine DNA-Übereinstimmungen braucht, um sich als Familie zu fühlen – und umgekehrt. Was die Korachs betrifft: Warum durch kalte Wissenschaft zerstören, was durch ein paar liebevolle Lügen und noch liebevolleres Vertrauen aufgebaut wurde? Ist alles Entscheidungssache. Die Gewissheit auf dem Blatt mit dem Testergebnis kann für die Familie des zweifelnden Vielleicht-Gehörnten eine so destabilisierende Wirkung haben wie das Schnäpschen für den Ex-Trinker. Prost, Franzeck!

Schade nur, dass in der DT-Box so wenig spürbar wird. Einzig Katharina Schmalenberg darf bisweilen eindrücklich ausbrechen, vor Anspannung ihre Perlenkette zerreißen, die weißen Plastikwände knutschen wie ihren verlorenen Mann (Bühne: Claudia Rohner). Ansonsten spielt das Ensemble zwar durchaus flott, mit gut gesetzten Pointen, denn die gibt Bärfuss’ Text, diese Abfolge von Zweierduellszenen, durchaus her. Aber fußbadflach bleibt’s trotzdem, mit viel Spielhandwerk und wenig Echoraum. Kunstfiguren, allesamt. In Robert Schweers Münchner Inszenierung des Stücks sind sie durch starre Kunststoffperücken als solche markiert. In Berlin genügt eine Wollmütze.

Deutsches Theater, Box, wieder Freitag, 6. April, 20 Uhr 30.

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