Kultur : Demokratie als Schlüssel

Das American Jewish Committee kämpft gegen Antisemitismus – seit zehn Jahren auch in Berlin

Caroline Fetscher

Der Zar war alarmiert. Überall im Staat lehnten sich Bauern, Soldaten, Studenten und Arbeitslose in den Jahren ab 1903 offen gegen das russische Regime auf. Um den Zorn der Bevölkerung von Armut, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung der Meinungsfreiheit abzulenken, begab sich Russland in den Krieg mit Japan, das Gerücht wurde verbreitet, die russischen Juden seien Kollaborateure der Feinde, der Japaner. 1905 und 1906 brannten in über 300 Städten, darunter Odessa, Minsk, Lodz und Kiew, jüdische Häuser. Mehr als tausend Juden wurden ermordet, Tausende schwer verletzt. Im fernen New York lasen jüdische Einwanderer die Nachrichten aus Russland mit Entsetzen. In ihrem Wunsch, die Orgien des Antisemitismus in Europa einzudämmen, gründete eine Gruppe von ihnen 1906 das American Jewish Committee (AJC). Es setzte auf die Wirkung von Dialog und Information gegen den gezielt geschürten Wahn.

Keine dreißig Jahre später kulminierte derselbe Wahn im aggressiven, deutschen NS-Staat in einem historisch einmaligen Genozid, der sechs Millionen Leben jüdischer Männer, Frauen und Kinder in Europa auslöschte. Inzwischen existieren neben dem New Yorker Hauptquartier und dem Office of Government and International Affairs des AJC in Washington, 32 Büros in den USA, acht weitere in Übersee. Erst 1989 wagte man es, im Zentrum von Berlin eine deutsche Dependance aufzubauen. In dieser Woche begeht das AJC-Office in Berlin, das seinen Sitz im postmodernen Mosse-Palais nahe dem Potsdamer Platz fand, sein zehnjähriges Jubiläum. Kanzlerin Merkel empfängt eine Delegation des AJC, das immer auch transatlantischer Brückenschlag ist; Innenminister Schäuble spricht heute Abend auf einem Galadinner im Hotel Adlon, wenige Meter vom Brandenburger Tor, durch das am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten mit einem Fackelzug der SA gezogen waren, um ihre „Machtergreifung“ zu demonstrieren.

Angereist aus Los Angeles, wo sie zur Vizepräsidentschaft des AJC gehört, ist Ruth Block, Mitglied im Beirat des AJC Deutschland: Wach, elegant, achtzig Jahre alt, eine Amerikanerin, die in Berkeley Politikwissenschaft studiert hat. Ruth Block spricht ausgezeichnet Deutsch und man hört darin einen Hauch von hessischem Dialekt. 1938 ging das Mädchen Ruth in Frankfurt am Main auf eine von der israelitischen Gemeinde unterhaltene Schule mit dem Namen „ Philanthropin“, was soviel bedeutet wie „Stätte der Menschlichkeit“. Sie war, von 1804 bis 1942, die älteste und auch größte jüdische Schule Deutschlands. Seit August 2006 beherbergt der alte Bau die jüdische „I. E. Lichtigfeld-Schule im Philanthropin“, an der Fächer wie Judaistik und Hebräisch gelehrt werden.

Ruth Block ist das Gefühl von Ungeschütztheit noch nah, das sie auf dem Schulweg in Frankfurt begleitete, wo sie sich gegen Pöbeleien und Gewalt verteidigen musste. Wenn die kalifornische Dame davon berichtet, ist ihr das Erlittene, bei aller Zurückhaltung, anzumerken. Sie weiß noch gut, wie sie als Kind die Eltern zur Emigration drängte. „Ich habe oft gefragt: Wann gehen wir endlich weg?“ 1938 gelang der Familie die Ausreise nach Mexiko, später in die USA.

Siebzig Jahre sind seither vergangen. Ruth Block, die mit ihrem Mann nach Berlin gereist ist, engagiert sich seit 2002 für den AJC Germany, mit ihr im Beirat arbeiten Salomon Korn und Michael Blumenthal, Daniel Libeskind und Charlotte Knobloch, und auch Dutzende nichtjüdischer Mitglieder aus Politik und Wirtschaft, von Volker Beck über Hans-Ulrich Klose und Otto Schily bis zu Cornelia Schmalz-Jacobsen, Cem Özdemir sowie dem langjährigen Chefredakteur des Tagesspiegel und Staatssekretär a. D. Walther Stützle. Im wiedervereinigten Deutschland sei die Elite geimpft gegen Antisemitismus, heißt es, doch dass Angela Merkel erst vor wenigen Wochen nicht zu Unrecht vor neuem, sogar „bürgerlichem Antisemitismus“ gewarnt hat, wissen alle, die in diesen Tagen an den Dinners, Debatten und Podien des AJC teilnehmen. Deidre Berger, die das Berliner Büro des AJC seit Januar 2000 leitet, räumt ein, dass sie sich ihre Aufgabe damals leichter vorgestellt hatte. Inzwischen denkt sie manchmal daran, was Heinrich Böll ihr 1985 in einem Interview prophezeite, als sie noch Journalistin war und neu in Deutschland: „Es wird nicht einfach für sie werden, meine Liebe“. Das, so Berger, „hat er traurig gesagt“.

Deprimierte Phasen kann Berger sich in ihren Sechzehn-Stunden-Tagen allein zeitlich nicht leisten, denn das American Jewish Committee in Deutschland bewältigt mit einem kleinen Team eine Riesenaufgabe. Als Thinktank und diplomatische Vertretung, Lobbygruppe und Kommunikationsstifter initiiert AJC Germany unter anderem pädagogische Aufklärungskampagnen wie „Hands across the Campus“, ein Programm zur Demokratieerziehung, das im Schuljahr 2003 an drei Berliner Schulen begann, 1981 vom AJC in den USA entwickelt wurde und inzwischen an neun Berliner Schulen läuft. Im AJC Tolerance Education Network (TEN) finden Experten aus dem Bildungssektor zusammen, die beruflich mit Menschenrechten zu tun haben. „TEN“ bietet Pädagogen an, ihre Erfahrungen aus der Praxis bundesweit auszutauschen. Ähnlich funktioniert die „Taskforce Education on Antisemitism“ , ein vom AJC koordiniertes Netzwerk von Bildungspraktikern, das 2002 entstand, „als uns klar wurde“, sagt Deidre Berger, „dass Rassismus und Antisemitismus an Schulen zu selten thematisiert werden“.

Für ganz Europa stellt der AJC fest, dass Antisemitismus und Israelfeindlichkeit seit Jahren, erst recht seit dem 11. September, zunehmen, insbesondere unter migrantischen Jugendlichen, denen Chancen zur Integration fehlen. Eng ist daher auch die Zusammenarbeit des AJC mit Türken in Deutschland. „Erstens sind wir solidarisch, da wir die problematische Situation von Minderheiten in Deutschland kennen“, erklärt Berger, „und zweitens muss hier eine gesellschaftliche Spannung entschärft und Aufklärung über Israel und die Juden geleistet werden“. Als im August 1999 in der Türkei ein schweres Erdbeben extreme Not hervorrief, war die türkische Gemeinde nicht wenig erstaunt, aus wessen Händen die erste Spende in Deutschland kam: vom Büro des AJC in Berlin.

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