Kultur : Demokratie macht viel Arbeit Die Akademie der Künste diskutiert übers Wählen

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Einmal sagt Akademiepräsident Klaus Staeck mit der ihm eigenen Emphase (sinngemäß): Uns geht es ja noch Gold!! Wir hier in der Akademie stehen nicht unter einem Quotendruck. Wir können Veranstaltungen mit einem Komponisten machen, zu denen vielleicht zwanzig Leute kommen. Wo gibt’s denn diese Freiheit noch? Aber wir müssen es dann auch machen!!!

Die Freiheit – sie ist eben auch erhabene Verpflichtung. Die allerdings manchmal wie eine lästige Pflichterfüllung aussehen kann. Wenn’s einem zu gut geht. Womit wir beim Thema wären: Wählen. Natürlich muss die Akademie der Künste vor der Bundestagswahl den Bürger auch an seine demokratische Pflicht erinnern. Vor allem, wenn nun schon Intellektuelle verkünden: Ich mach’s dieses Mal nicht! Seit der Soziologe Harald Welzer in einem „Spiegel“-Essay erklärte, warum er sich den Gang zur Wahlurne spare, geistert das Gespenst des gebildeten Salon-Nichtwählers durch die Presse. Aber Nicht-Wählen, das geht natürlich nicht. In diesem Sinn trägt das 50. Akademiegespräch „Wählen gehen!“ auch ein mobilisierendes Ausrufezeichen im Titel.

Aber so einfach ist das nicht. Die Eingangsfrage, mit der Bascha Mika schnell die Reihen schließen will („Was ist das dümmstes Argument der Verweigerer?“), geht schon mal nach hinten los – führt aber dank der blitzgescheiten Mercedes Bunz zum Kern des Problems. Fakt sei doch, so Bunz, dass die Politik ein Glaubwürdigkeitsproblem habe, weil der Bürger merkt, dass nicht sie, sondern die Wirtschaft die Entscheidungen fällt. Der Schluss daraus, nicht zu wählen, verdeutliche, wie durchökonomisiert unser Leben sei. Der Mittelschichts-Nichtwähler verwechsele Wählen mit Auswählen und agiere wie ein beleidigter Konsument, der seinen Konsumverzicht als aufrührerische Geste missversteht.

Die Politikverdrossenheit sei viel größer als gedacht, wusste auch ein entsetzter Mathias Greffrath zu berichten, der mit Köchen über ihr Verhältnis zur Politik gesprochen hat – fast alle hätten den Staat aufgegeben. Warum, wusste Greffrath auch: es liegt an der Neoliberalisierung der SPD. Auch Regisseur Andres Veiel erzählte eine gespenstische Geschichte: Er hatte bei Change.org gegen die NSA-Überwachung gestimmt und im Kleingedruckten gelesen, dass er damit den Verkauf seiner Daten abgesegnet hatte. „Selbst wenn wir uns gegen etwas aussprechen, werden wir zur Ware.“ Was also tun, wenn man innerhalb dieser Ohnmachtsstrukturen niemanden wählen will? Aus der Geht-Wählen-Promo wird plötzlich eine ratlose, aber wahrhaftige Kopfkratzrunde. Zähneknirschendes Ergebnis: Wenn schon Protest, dann bitte hingehen und ungültig stimmen. Klaus Staeck sagt’s frei mit Karl Valentin: „Demokratie ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Andreas Schäfer

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