Kultur : Demokratie mit Geschmack

KUNST

Nicola Kuhn

„Freiheit ist denkbar als Möglichkeit des Handelns unter Gleichen/Gleichheit ist denkbar als Möglichkeit des Handelns für Freiheit“. Ein Zirkelschluss, über den sich räsonieren lässt, zumal im politischen Raum. Der italienische Künstler Maurizio Nannucci hat ihn zum Nachdenken aufgegeben – an einem Berliner Ort, der passender nicht sein könnte: in der Bibliotheksrotunde des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses , wo er in blauer Neonschrift das Rund der Wand abschließt. Noch stehen die 1,3 Millionen Bände nicht in ihren Regalen, noch sitzt hier niemand an den Arbeitstischen der Bundestagsbücherei und studiert. Nannuccis Satz, der auf einen Text von Hannah Arendt zurückgeht, schwebt bislang frei über den Häuptern der Besucher und hinaus ins nächtliche Berlin. Er ist wie ein Bote für beste Kunst am Bau. Denn mit dem heute an die Parlamentarier feierlich übergebenen Lüders-Haus finden die Bundestagsneubauten nicht nur architektonisch ihren krönenden Abschluss (Tsp. vom 6.12.), sondern auch die künstlerischen Beiträge präsentieren sich auf höchstem Niveau. In Absprache mit dem Architekten Stephan Braunfels entstanden Arbeiten, die sich in das minimalistische Konzept des Hauses fügen und doch als Kontrapunkte wirken.

Die riesige Eingangshalle etwa erhielt wie im Paul-Löbe-Haus ebenfalls eine im Raum schwebende Neoninstallation des Franzosen François Morellet, jedoch nicht als bunte Girlande, sondern diagonaler Akzent in nüchternem Weiß. Darauf reagiert wiederum die Wandarbeit Julia Mangolds, die ihren Platz an der sich wuchtig in die Eingangshalle wölbenden Bibliotheksrotunde gefunden hat. Wie ein Rechenexempel hat die Münchner Künstlerin aus einem Außenpfeiler eine Fläche herausgelöst und diese gleich einem Gemälde auf die Bibliothekswand aufgebracht.

Nannucci, Morellet und Mangold führen geradezu beispielhaft einen Dialog mit der Architektur. Aber auch die vom Kunstbeirat – auf Empfehlung des Rektors der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, Klaus Werner, sowie des Direktors der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Armin Zweite - angekauften Arbeiten fügen sich in den Geist des Hauses: darunter die Wandarbeiten Imi Knoebels im Foyer des Anhörungssaales oder Sophie Calles Erinnerungsstücke, die verlorene DDR-Geschichte im Stadtraum reflektieren. 28 Millionen Euro standen für Kunst in den Parlamentsbauten zur Verfügung, 10 Millionen Euro allein für Löbe- und Lüders-Haus. Demokratie hat sich hier nicht nur als kompetenter Bauherr, sondern auch als Käufer mit Kunstgeschmack erwiesen – allen Unkenrufen zum Trotz. In all dem Glanz berührt es um so mehr, dass ein Kunstwerk eigener Art seinen Weg durch die glatte Fassade gefunden hat: Ben Wargins Mauer-Mahnmal. Der Berliner Künstler hatte die Reste der genau an dieser Stelle verlaufenden Mauer gerettet und jedes Segment mit Jahr und Zahl der Toten versehen. Ein erschütterndes Dokument, dem sich der Architekt nicht entziehen konnte. Es durchschneidet nun die perfekte Rotunde – was ähnlich zu denken gibt wie Nannuccis Neon-Satz.

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