Kultur : Den Bernstein gibt’s, allein die Betten fehlen

St. Petersburg rüstet sich zu seiner 300-Jahr-Feier – mit Theaterneubauten, Fußgängerzonen, schwimmenden Herbergen und 24-Stunden-Öffnungen der Eremitage

Oliver Heilwagen

Seit Anfang 2002 ist die Stadt an der Newa eine einzige Großbaustelle. Allerorten werden Fassaden getüncht und Pflaster erneuert, um Russlands „nördliche Hauptstadt“ zum Geburtstag herauszuputzen. Denn ab 23. Mai feiert St.Petersburg den 300. Jahrestag seiner Gründung mit einem zehntägigen Veranstaltungsmarathon. Und so dient das Jubiläum als Anlass, um lange Versäumtes nachzuholen – es ist die erste große Stadtsanierung seit der Beseitigung der schlimmsten Schäden nach der 900-tägigen Belagerung durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

Die Neunzigerjahre waren für Petersburg ein verlorenes Jahrzehnt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 sagten viele Beobachter der Stadt eine glänzende Zukunft voraus: Sie könne für Russland als Drehscheibe des Ost-West-Handels wieder zum „Fenster nach Europa“ werden und somit dem ewigen Rivalen Moskau den Rang ablaufen. Doch das Gegenteil geschah. Unter dem energischen Bürgermeister Juri Luschkow wandelte sich Moskau binnen weniger Jahre zur glitzernden Wirtschaftsmetropole, die fremdes Kapital magisch anzog: eine Art russisches Hongkong. Die Hälfte aller ausländischen Investitionen wurden 2002 in der Hauptstadt angelegt.

Dagegen erlebte St.Petersburg eine Phase der Stagnation. Der erste frei gewählte Bürgermeister, Anatoli Sobtschak, glänzte vor allem durch Passivität. Nach seiner Abwahl 1996 machte er bis zu seinem frühen Tod nur noch durch gegen ihn gerichtete Korruptionsvorwürfe von sich reden. Unter seinem Nachfolger Wladimir Jakowlew, der 2000 im Amt bestätigt wurde, besserte sich die Lage kaum: Ihm gelang es nicht, in nennenswertem Umfang westliche Unternehmen anzulocken. So blieb eine amerikanische Zigarettenfabrik die größte ausländische Einzelinvestition in der Stadt. Erst das nahende Jubiläum verhalf Petersburg zur dringend benötigten Finanzspritze: Präsident Putin, früher selbst in der Stadtverwaltung tätig, gab erhebliche Mittel zur Renovierung der Infrastruktur und des Straßenbildes frei.

Mit Krediten westlicher Banken in Höhe von 600 Millionen Dollar sollen endlich der seit langem geplante Autobahnring um die Stadt gebaut und ein vor 22 Jahren begonnener Hochwasserdamm fertiggestellt werden. Zudem läuft der Architektenwettbewerb für einen neuen Anbau zum legendären Marinskij-Theater. Nun schwärmen Experten wieder vom Entwicklungspotenzial der Stadt: Laut Informationen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft wuchsen 2001 Petersburgs Wirtschaftsleistung und Steueraufkommen um je fast ein Drittel, während Moskaus Boom mit nur zwei Prozent Wachstum stark abflaute. Wahrscheinlich wird aber die Scheinblüte des Jubiläumsjahres nach seinem Ablauf rasch wieder verwelken. „Es gibt Gouverneure, die aktiver sind“, kritisiert Simone Hess vom Haus der deutschen Wirtschaft in St.Petersburg Jakowlew und seine Administration: „Die Einstellung der hiesigen Behörden scheint zu sein: Die Investoren müssen von selbst kommen, wir haben ja schließlich Geburtstag!“

Auf den ersten Blick zumindest hat sich einiges getan: Seitenstraßen des grandiosen Newskij-Prospekts wurden zu Fußgängerzonen umgebaut. Suchte man noch vor fünf Jahren fast vergebens nach Cafés, lockt jetzt an jeder Straßenecke ein Coffeeshop nach US-Vorbild. Auch der Schlossplatz vor dem Winterpalais erhält ein neues Aussehen. So wird ein Eingang zur Eremitage angelegt, damit jährlich zweieinhalb Millionen Besucher die weltberühmte Gemäldesammlung nicht mehr von der zugigen Flussseite her betreten müssen. Fragt man den Vizedirektor des Hauses, Wladimir Matjejew, nach den Jubiläumsvorbereitungen, braucht er für die Aufzählung aller Renovierungsarbeiten eine Stunde. Während der zehn Festtage wird die Eremitage dann rund um die Uhr geöffnet sein – bei freiem Eintritt.

Dann können sich in ihren Saalfluchten nachts auch jene Besucher entspannen, die keinen Schlafplatz gefunden haben. Nach offiziellen Angaben verfügt die Stadt über 31000 Hotelbetten, von denen aber nur die Hälfte internationalen Ansprüchen genügen sollen. Viel zu wenige, um den erwarteten Ansturm zu bewältigen. Allein am 31. Mai, dem Höhepunkt der Feierlichkeiten, hat Putin 45 Regierungschefs der G8-, EU- und GUS-Staaten zu einem „Weltgipfel“ eingeladen. Sie bringen rund 15000 Begleitpersonen mit, und es werden schon Schiffe zu schwimmenden Herbergen umgerüstet. Für normale Touristen ist da kaum mehr Platz.

Auch von einem Highlight des Veranstaltungsprogramms dürften sie wenig mitbekommen. So ist die Besichtigung des rekonstruierten Bernsteinzimmers, das Putin und Bundeskanzler Schröder am 31. Mai eröffnen, Spitzenpolitikern und VIP-Gästen vorbehalten. Bezahlt hat die 3,5 Millionen teure Neuschöpfung der Kostbarkeit, deren Original in den Wirren des Kriegsendes verloren ging, die Ruhrgas AG, die mit Russland seit Jahrzehnten gute Geschäfte macht.

Die Bundesregierung lässt für 1,3 Millionen Euro die Walker-Orgel im Großen Saal der Philharmonie renovieren. Dessen Klimaanlage wird von Siemens unentgeltlich instand gesetzt. Das Goethe-Institut richtet im September ein Tanzfestival aus. Hamburg, Partnerstadt Petersburgs seit 1957, stiftet einen Steinway-Flügel. Auch Berlin lässt sich nicht lumpen: Die Agentur „Partner für Berlin“ organisierte im Sommer 2002 einen Workshop, bei dem drei Berliner Architekten mit Petersburger Studenten Konzepte zur Sanierung von Plattenbauten entwickelten.

Der Bedarf ist groß: Denn der bröckelnde Neubaugürtel um das historische Stadtzentrum müsste dringend saniert werden. Von den benötigten 350 Millionen Euro pro Jahr kann die Stadt aber nur ein Fünftel selbst aufbringen. So werden die Pläne vorerst auf dem Papier bleiben – bis sich das Problem durch Leerstand und Abriss von selbst erledigen wird: In den 90er Jahren ist die Einwohnerzahl Petersburgs um 500000 auf jetzt viereinhalb Millionen geschrumpft.

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