• Den Blick auf das Wesentliche schärfen - Gesprächsrunde des Berliner Walter de Gruyter Verlags

Kultur : Den Blick auf das Wesentliche schärfen - Gesprächsrunde des Berliner Walter de Gruyter Verlags

Cornelia Höhling

"Nichts Wissen macht nichts." Mit dieser Abwandlung des bekannten Ausspruchs von Francis Bacon, "Wissen ist Macht" hat sich die so genannte Nullbockgeneration unseres Informationszeitalters eine Art Schutzschild geschaffen. Denn die Informationsflut - heute jederzeit über die elektronischen Medien uneingeschränkt abrufbar - ist gewaltig geworden. Ohne Kompass besteht leicht die Gefahr, darin zu ertrinken.

Wer aber schärft den Blick für das Wesentliche? Wer hilft, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden? Medien, Wirtschaft und Forschungseinrichtungen sind gefragt. Aus der weltweiten Verfügbarkeit von Informationen durch das Internet ergeben sich neue Anforderungen. Zielgenaue Information wird zur Dienstleistung.

Das Thema Wissen als Dienstleistung stand im Mittelpunkt einer Gesprächsrunde des Berliner Walter de Gruyter Verlags, der im Goethejahr sein 250-jähriges Bestehen feiert. Der Einladung der Evangelischen und Katholischen Akademie sowie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln folgten Praktiker, Wissenschaftler und Hochschullehrer, darunter Wolfgang Nethöfel, Wirtschaftsethiker aus Marburg; Dieter Weirich, Intendant der Deutschen Welle; Gerhard Fels vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln und Brigitte Schöning vom Verlag Walter de Gruyter.

Einigkeit herrschte darüber, dass das Wissen ein Konsumgut besonderer Art ist. Wissen ist eine Ressource, die sich durch Gebrauch nicht erschöpft, sondern vermehrt. Wirkliches Wissen entsteht erst, wenn die intellektuelle Fähigkeit vorhanden ist, Informationen sinnvoll einzusetzen und zu nutzen. Mehr als je zuvor gilt heute die Einsteinsche Devise "Wissen heißt, wissen, wo es steht". Angesichts der bis zum Jahr 2001 zu erwartenden Verdopplung der im Internet zugänglichen Daten gewinnt das Orientierungswissen immer mehr Bedeutung im Vergleich zum verfügbaren Wissen.

Die Zeit, in der Bildung ein Privileg war, ist vorbei. Doch die Wissenschaftler befürchten die Entstehung neuer Privilegien. Denn wehe dem, der keinen Zugriff auf digitalisierte Archive und neue Forschungsergebnisse hat, die teilweise unselektiert ins Internet eingespeist und ohne die Bewertung durch einen Gutachter zur Diskussion freigegeben werden. Damit wird übrigens auch die traditionelle Auswahlfunktion von Verlagen in Frage gestellt. Jeder kann sein eigener Verleger werden, wurde bei der Diskussion beklagt. Andererseits schaffen die neuen Technologien neue gesellschaftliche Schranken: Wer nicht mit surft, ist vom Wettbewerb ausgeschlossen.

In nur fünf Jahren verdoppelt sich das Weltwissen, anderes Wissen veraltet und wird unwichtiger. Lebenlanges Lernen und auch berufsbegleitendes Lernen sind damit unerlässlich. Welche Herausforderung ergeben sich daraus an die Bildung und Forschung in Deutschland? Die Antwort kam aus berufenem Munde. Die Hochschulen als Erzeuger von Wissen seien auch für die Vermittlung dieses Wissens an die junge Generation zuständig, sagte Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Die Masse der Studenten strebe nicht die Wissenschaft als Beruf an. Deshalb sei es an der Wirtschaft, Forderungen an die Wissensvermittlung zu stellen. Sie müsse das Wissen als Kapital einer neuen Ökonomie erkennen. Über die Umsetzung der Forschung entscheidet der Markt, waren sich die Referenten einig.

Der Zusammenhang von Investitionen in Bildung und Wissenschaft und den Arbeitsplätzen der Zukunft liegt klar auf der Hand. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitet schon jetzt in informationsbezogenen Berufen. Durch die Entwicklung der Technik werden zwar Arbeitsplätze eingespart, aber es entstehen auch neue. So wächst der Bedarf an Schulung des Personals, an Manager für die Netze oder Softwarepflege. Dass moderne Technik in Schulen und Hochschulen vorhanden ist, sagt allein noch nichts aus. Der fachgerechte Umgang ist entscheidend.

Die gerade vereidigte Staatsministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Freistaates Thüringen, Dagmar Schipanski, zog eine hoffnungsvolle Bilanz. Seit 1990 gelangen allein an der Technischen Universität Ilmenau über 350 Ausgründungen. Zwei davon seien in Softwarefirmen mit jeweils mehr als hundert Beschäftigten gemündet. Das lasse einen Entwicklungsschub erwarten. Die ehemalige Rektorin forderte eine Neustrukturierung der Lehrinhalte: "Den Studierenden darf nicht länger Detailwissen vermittelt werden. Was sie brauchen, ist ein Denkgerüst." Diese Kompetenz in der Methodik ermögliche später die selbständige und flexible Aneignung von Wissen.

Ministerin Schipanski plädierte nachdrücklich im Humboldtschen Sinne für die Einheit von Forschung und Lehre. Auch wenn es schwierig sei, beides in Personalunion zu vereinen, müsse das Wissen so vermittelt werden, dass es der andere versteht, sonst sei es nutzlos.

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