Kultur : Den Drachen bei den Flügeln packen

KATRIN BETTINA MÜLLER

Die Suppe wäre sicher längst kalt geworden, bevor man auch nur die Hälfte des figurativen Schmucks von der silbernen Prunkdeckelterrine erfaßt hat, die Prinzessin Augusta 1840 ihrem Gemahl Prinz Friedrich Wilhelm Ludwig von Preußen schenkte.Allein 16 Putten sitzen auf der untersten Stufe des pyramidalen Tafelaufsatzes, den dritten Rang nehmen mit Speeren bewaffnete Amoretten ein.Kämpferischer noch geht es an der Terrine selbst zu, deren Henkel aus vollplastischen Löwen gebildet sind, die zwischen ihren Tatzen Schlangen niederringen.Unfaßbar, auch im wörtlichem Sinn.Zur vollen Virtuosität aber gelangte der Goldschmied Seiner Majestät des Königs, Johann Georg Hossauer, auf dem Deckel: Dort bezwingt ein preußischer Adler vier Drachen.Wer jemals den Deckel heben wollte, mußte ihn bei den Flügeln packen.

Zum richtigen Gebrauch war das Prunkgeschirr wohl kaum bestimmt.Die höfischen Gold- und Silberbuffets dienten als Statussymbol und Kapitalanlage, sie sollten Reichtum und Kulturbewußtsein repräsentieren.Dabei stellten sie nicht nur die Anhäufung materieller Schätze, sondern ebenso die Verfügbarkeit der Geschichte zur Schau.So finden sich in der Prunkdeckelterrine neben klassizistischen Stilelementen auch Zitate aus Renaissance, Barock und Rokoko.Die Terrine nach einem Entwurf von Carl Friedrich Langhans bildet einen der Höhepunkte der Ausstellung über Johann George Hossauer (1794-1874) im Charlottenburger Schloß.150 Exponate, unter denen nur wenige so glatt und schlicht sind wie die kleinen Weinbrandbecher für Prinz Carl, umfaßt die Dokumentation der Erfolgsgeschichte des Goldschmieds.Denn Hossauer wurde nicht nur als Künstler und Handwerker geschätzt, der den Klassizismus von Schinkel und Langhans ins Zierliche übersetzte, sondern vor allem als Unternehmer.Aus seiner Studienzeit in Paris hatte er arbeits- und materialsparende Fertigungsmethoden nach Berlin gebracht.Seine 1819 gegründete Fabrik für Waren aus Edelmetallen verringerte den Import ausländischer Silberwaren.Dafür belohnte ihn Friedrich Wilhelm III.nicht nur mit dem Titel "Goldschmied Sr.Majestät des Königs" sondern auch mit großen Aufträgen.

Den triumphierenden Gestus im Bildprogramm des Prunkgeschirrs könnte man also einerseits auf den Kampf um Marktanteile beziehen.Andererseits galt es, mit dem wiedererstarkenden Kunsthandwerk eine Scharte der Vergangenheit auszuwetzen: 1809 mußte ein großer Teil des preußischen Prunksilbers eingeschmolzen werden, um Kriegskontributionen an Frankreich zu zahlen.

Das alles läßt sich im sehr umfangreichen Katalog "Gold und Silber für den König" nachlesen.Die Ausstellung selber dagegen beschränkt sich auf das Blinken und Blitzen in den Vitrinen von Prunkdeckelhumpen, Samowars und Teemaschinen, Besteckkästen und Abendmahlskelchen.Unweigerlich tauchen ketzerische Fragen auf: Wieviel Diener waren wohl nötig, das Silber zu putzen, und wer schleppte die Reisegarnitur der Prinzessin Anna, zu deren fünfzig Einzelteilen Flaschen aus geschliffenem Glas, Deckel aus Silber, Bürsten aus Elfenbein, Spiegel und Scheren aus vergoldetem Stahl gehörten? Der Phantasie des Besuchers bleibt überlassen, wie man einst mit diesen Dingen gelebt, wie sie den Arbeitstag der einen bestimmten und zu welchen Anspielungen die Amoretten und der ewig triumphierende Adler die anderen animierten.

Schloß Charlottenburg, Weißer Saal im Neuen Flügel, bis 20.September; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 11-18 Uhr, Katalog 49 DM

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben