Kultur : Den Goldesel reiten

Untergang eines Mythos? Über den Sonderstatus des Plattenriesen EMI

Kai Müller

Der Ton macht die Musik. Nie schien dieser Satz zutreffender zu sein, als im Kensingtoner Odeon-Kino, in dem die Belegschaft des britischen Musikkonzerns EMI in der vergangenen Woche zu einer Hauptversammlung zusammenströmte. Nach der Übernahme des Traditionshauses durch den Finanzinvestor Guy Hands wollte dieser erstmals seine Pläne zur Sanierung des angeschlagenen Hauses offenlegen. In der Vergangenheit hatte Hands die EMI-Belegschaft mit Rundmails traktiert. Nun wurde er empfangen wie ein Rockstar: Sicherheitsleute mussten dem 48-jährigen Investor einen Korridor durch Kamerateams und aufgebrachte Mitarbeiter bahnen.

Was er zu verkünden hatte, war wenig erfreulich. Ein Drittel der 5500 Beschäftigten wird gefeuert, und die Zusammenarbeit mit den über 14000 Vertragskünstlern nur bei solchen fortgesetzt, die auch Profite abwerfen. Das Wort von den „faulen Stars“ machte schon im Vorfeld die Runde, weshalb Robbie Williams, Coldplay und The Verve ihre für die erste Jahreshälfte angekündigten Alben auf unbestimmte Zeit verschoben. Andere wie Radiohead, Paul McCartney und zuletzt die Rolling Stones wandern ab. Aber Hands zeigt sich unbeirrt. „Wir werden dem Unternehmen seinen früheren Glanz wiedergeben. Dafür werden wie eine Menge Leute verärgern, aber wir befinden uns nicht in einem Popularitätswettbewerb.“

Muss man Mitleid haben? Warum schlägt der Umbau eines Konzerns so hohe Wellen? Und was wäre so schlimm daran, wenn EMI, nachdem es von Hands verkaufsreif saniert worden ist, verschwände? Die sozialen Folgen für die Beschäftigten sind gewiss gravierend. Selbst in Berlin, wo EMI mit Labels, Virgin und Mute drei hoch angesehene Sublabels betrieben und Bands wie Wir sind Helden, 2Raumwohnung und Fotos vertreten hat, sind die Ausläufer der Umstrukturierung zu spüren. Das Büro am Leuschnerdamm wird aufgelöst. Aber damit ist die Erschütterung nur halb erklärt.

EMI ist ein Mythos der Popgeschichte. Keine andere Plattenfirma dieser Größe hat eine vergleichbare Identität entwickelt – zumal in einer Branche, die vom kreativen Potenzial einzelner Künstler lebt und sich nicht in den Vordergrund spielt. Aber das EMI-Loge prangte bereits auf den ersten Beatles-Platten 1963. Wie überhaupt der Aufstieg des früheren Rüstungskonzerns zum größten Label der Welt sich dem Siegeszug der britischen Popmusik Mitte der sechziger Jahre verdankt. EMI war dessen erste Adresse. In den betriebseigenen Abbey Road Studios wurde der Sound des Jahrzehnts kreiert. Es war der EMI-Mitarbeiter George Martin, der die ungestüme Energie der „Fab Four“ in etwas Edles verwandelte, das nach drei Minuten wieder verpufft. Aus diesem Geist entstand mit „Sgt. Pepper’s“ das erste Album der Musikgeschichte. Wie Martin beschäftigte EMI einen ganzen Stab erfahrener Produzenten und nutzte seine Macht und sein Geld, um sie den Bands als Hit-Garanten zur Seite zu stellen. In den Band-Biografien kursieren unzählige Erzählungen darüber, wie das Label Einfluss auf die künstlerische Gestaltung von Songs und ganzen Alben zu nehmen versuchte. In das Lamento mischt sich eine leise Verachtung für die Anzugträger aus der Penny Lane, die von Popmusik angeblich keine Ahnung haben. Am weitesten trieben es die Sex Pistols. In ihrem Song „E.M.I.“ ergötzen sie sich am „unlimited supply“ der Firmenheinies, für den es gar keinen Grund gegeben habe. Wie habe man nur eine Band wie sie unter Vertrag nehmen können?

Als in den achtziger Jahren die Umsatzzahlen am Tonträgermarkt erstmals einbrachen, vertiefte das EMI-Management seine Beziehung zu den launischen Goldeseln. Es setzte auf Langzeitverträge und gab rekordverdächtige Summen aus. Kate Bush kam in den Genuss eines 3000-Pfund-Vorschusses und musste dafür nicht einmal eine Platte machen. Verständlich, dass, wer einmal bei EMI unterschrieben hatte, da nicht mehr weg wollte. Mariah Carey wurde 2001 mit einem 100-Millionen-Dollar-Deal an das Label gebunden. Aber schon nach der ersten Platte („Glitter“) besann man sich eines besseren. 28-Millionen bekam Carey nachgeworfen, nur damit sie wieder ginge. Die zwischen den Major-Labels entbrannten Bietergefechte um einzelne Musiker, haben in der Vergangenheit groteske Züge angenommen. Für Robbie Williams waren die EMI-Oberen sogar bereit, 157 Millionen Dollar auszugeben und werden seither mit unverkäuflichen Platten bestraft.

Dass EMI zum begehrten Objekt eines Finanzspekulanten wurde, der Kreativität als statistische Größe begreift, setzt einen Schlusspunkt hinter die schwierige Ehe zwischen Kunst und Kommerz. Denn trotz der Nähe der Plattenfirmen zur Musik, stellen sie von jeher das schwächste Glied in der Verwertungskette musikalischer Inhalte dar. Die Radiosender verdienen mit derselben Musik ein Vielfaches vom Umsatz der Plattenfirmen. Und im Fernsehen wird durch Werbeeinnahmen für eine einzige Sendung wie „Deutschland sucht den Superstar“ mühelos der Jahresumsatz der Phonoindustrie erwirtschaftet. So werden von den vier Major-Labels SonyBMG, Warner, Universal und EMI, schätzen Insider, bald nur noch zwei global player übrig sein. Sie dürften 80 Prozent des Marktes unter sich aufteilen. Oder was dann noch von ihm übrig ist. Allein im letzten Jahr brach der Verkauf von CDs weltweit um weitere 19,9 Prozent ein.

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