Kultur : Den Holocaust nicht amerikanisieren

JÖRG VON UTHMANN

Die Unsicherheit, welche Werke in ihren Museen unrechtmäßig erworbene "Beutekunst" sind, hat inzwischen auch die Briten erfaßt.Auf Anregung von Kulturminister Smith gehen sie ihre Bestände systematisch durch.Am weitesten gediehen mit der Selbsterforschung ist die National Gallery in London.Ende Februar teilte sie mit, von den 430 Gemälden, die man nach 1933 erworben habe, sei bei 120 die Provenienz nicht eindeutig zu klären.Zehn Bilder, darunter ein Delacroix, ein Courbet und zwei Monets, seien "verdächtig".Doch hat sich bisher kein Eigentümer oder Erbe gemeldet.

Mittlerweile hat auch die von der französischen Regierung eingesetzte Mattéoli-Kommission, die Enteignungen von französischen Juden in der Vichy-Ära auf den Grund gehen soll, ihren zweiten Zwischenbericht vorgelegt.Der Bericht beziffert die konfiszierten Barvermögen und Bankeinlagen auf 3,5 Miliarden Francs.Die französischen Banken, stellt er fest, hätten die Weisungen der Vichy-Regierung nicht erst abgewartet, sondern von sich aus die Konten ihrer jüdischen Kunden blockiert.Auch die Niederlassungen amerikanischer Banken, die bis zum Kriegseintritt Washingtons im Dezember 1941 in Frankreich frei operieren konnten, hätten sich bedenkenlos an den Raubzügen beteiligt.Über den Umfang der Rückerstattungen nach 1944 hat die Kommission bisher nur ein sehr unklares Bild, ebenso über die Rückgabe "arisierter" Unternehmen und Immobilien.Anhand von 779 Stichproben schätzt sie, daß zwei Drittel nach dem Krieg an ihre früheren Eigentümer zurückgegeben wurden.

Auch das Elysée und das Matignon, der Amtssitz des Ministerpräsidenten, haben inzwischen die Bilder und Möbel mit dem ominösen Stempel MNR (Musées nationaux récupération) diskret abgestoßen.Sie warten jetzt im Depot des Louvre auf Anspruchsberechtigte.Meisterwerke, wie von Vertretern des Jüdischen Weltkongresses behauptet, sind allerdings nicht darunter.Gut vier Fünftel der nahezu 100 000 enteigneten, gestohlenen und verschwundenen Objekte wurden nach dem Krieg von den Eigentümern reklamiert.Der Rest wurde in den fünfziger Jahren versteigert.Übrig blieben 2056 Objekte, zur Hälfte Bilder, zur Hälfte Möbel, die mit dem vorsorglichen Eigentumsvorbehalt "MNR" an Museen und Behörden verteilt wurden.Nach der Veröffentlichung des Buches "Das verlorene Museum" von Hector Feliciano (1995) und der Aufmerksamkeit, die es in den Medien fand, ging die Generaldirektion der staatlichen Museen der Herkunft der MNR-Objekte erstmals gründlich nach.Das Ergebnis ist relativ mager.Von den 1700 bisher überprüften Stücken konnten nur 75 eindeutig als Raubgut identifiziert werden.

Die Frage ist, was mit den nicht reklamierten Objekten geschehen soll.Auf der internationalen Beutekunst-Konferenz, die im Dezember in Washington stattfand, forderte der Jüdische Weltkongreß, den gesamten MNR-Bestand zu versteigern und den Erlös unter Holocaust-Opfern zu verteilen - unter amerikanischer Aufsicht.Dies lehnt die französische Regierung ab.Aber auch der Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF), der Spitzenverband der jüdischen Organisationen in Frankreich, zeigt sich pikiert über die aggressiven "Cowboy-Methoden" - so der frühere Vorsitzende Théo Klein -, mit denen sich der Jüdische Weltkongreß anmaße, auch im Namen der französischen Juden zu sprechen.Ähnliche Vorbehalte machte der Vorsitzende des Spitzenverbands der Schweizer Juden, Rolf Bloch.

Inzwischen äußerten auch jüdische Organisationen in Amerika Zweifel an der Weisheit des eingeschlagenen Weges."Die Debatte über das Raubgut", schrieb Abraham Foxman, der Vorsitzende der Anti-Defamation League, "verfälscht den Blick auf den Holocaust.Sie fördert den Eindruck, die Juden seien nicht verfolgt worden, weil sie Juden waren, sondern weil sie Banknoten, Gold, Grundstücke und Kunstwerke besaßen." Noch deutlicher wurde die Londoner Wochenzeitschrift "The Economist": "Die Unerbittlichkeit einiger jüdischer Gruppen, das Buhlen amerikanischer Politiker um ethnic votes, die Sammelklagen, die Anwaltskosten - bringen sie den Überlebenden des Nazi-Terrors wirklich Gerechtigkeit und ehren sie das Andenken der Toten? Oder reduzieren sie den Holocaust, indem sie ihm ein Preisschild umhängen, nicht vielmehr zu einem gewöhnlichen Verbrechen?"

Unter dem Eindruck dieser und ähnlicher kritischer Stimmen gab sich Israel Singer, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, in einem Gespräch mit "Le Monde" versöhnlich.Es gehe nicht um Geld, sondern um einen "spirituellen Vorgang": "Die Schweizer, die Deutschen, die Franzosen, die Belgier sollen mir meine Geschichte wiedergeben." Zwei Tage nach Veröffentlichung des Interviews drohte ein anderer Funktionär des Jüdischen Weltkongresses den französischen Banken mit einem Boykott.

Auf diese good cop-bad cop-Taktik hin sprach sich der Vorsitzende des CRIF, Hernir Hajdenberg, gegen die Schadenersatzforderungen des Jüdischen Weltkongresses aus.Auch von dem Vorschlag, die nicht reklamierten Kunstwerke und Bankguthaben zur Finanzierung eines Holocaust-Denkmals zu verwenden, hält er nichts.Statt dessen plädiert er dafür, die Gelder für pädagogische Projekte zu nutzen.zu machen.Auch der Kommissionsvorsitzende Jean Mattéoli lehnt eine globale Wiedergutmachung nach Schweizer Muster ab: "Wenn die französische Regierung den Pressionen des Jüdischen Weltkongresses nachgeben will, liegt es in ihrer Verantwortung.Ich kann nur vor einem Präzedenzfall warnen, dessen Opfer letztlich die Juden sein werden."

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