Kultur : Den Kaffee trinkt Gregor lieber gleich im Stehen

KATRIN BETTINA MÜLLER

So stell ich mir den Absprung eines Junggesellen vor, der endlich die Wohnung der Eltern verläßt. Unentschlossen steht er zwischen den Möbeln und sieht plötzlich nur Müll und sperrige Lampenschirme, die ganze Kartons mit nichts als Mief füllen. Den Kaffee, den ihm seine Mama zum Abschied in die Thermoskanne gefüllt hat, trinkt er gleich und schaut sich nochmal um: Am besten alles da lassen von diesen Requisiten eines geliehenen Lebens, das nie sein eigenes gewesen ist.Die Kamera umkreist ihn im Video "Gregors Room II" von Teresa Hubbard und Alexander Birchler (9000 Mark, Auflage 10). Man sieht ihn packen, pausieren, packen, und merkt irgendwann, daß er nicht von der Stelle kommt. Man schaut ihm durch das Fenster zu und durch die drei Türen des Zimmers, die ihn umlauern wie die neidischen Blicke der Zurückbleibenden. Das Zimmer hat seinen Namen von Gregor Samsa aus Kafkas Erzählung "Die Verwandlung": Darin gelingt es dem Sohn der Familie nicht, Vater, Mutter und der Schwester zu entkommen, die mit ihm durch die geschlossenen Türen reden.Doch die klaustrophobische Wirklichkeit ist bloß gebaute Kulisse. Vielleicht ist der Mann, der packt, auch nur der Set-Designer, der die Wirkung der Requisiten ausprobiert. Die Wände von "Gregors Room II" sind dünner als die des Raums, der für die Projektion des Videos in die Galerie von Barbara Thumm gebaut wurde. Hitchcock meets Fischli und Weiss in den Gemeinschaftsarbeiten der Amerikanerin Teresa Hubbard und des Schweizers Alexander Birchler. Ihre Arbeiten riechen nach Schminke, Leim und dem Staub im Fundus. Der Blick hinter die Kulissen, in die Werkstatt der Inszenierung suggeriert dem Betrachter, eingeweiht zu werden in die Prozesse der Kreativität. In Berlin haben sie sich mit ihren kinosüchtigen Bildern 1998 als Gäste des Künstlerhauses Bethanien vorgestellt und dieses Jahr vertreten sie die Schweiz auf den Biennalen in Melbourne und Venedig.In einer dreiteiligen schwarzweißen FotoSerie "Noahs Ark" (1992) waren sie selbst in weißen Kitteln als Dekorateure einer Arche Noah zu sehen, die als Diorama mit gemaltem Hintergrund und präparierten Tieren aufgebaut wurde. So führten sie einen an die Schnittstelle zwischen Fiction und der wirklichen Welt der Bildermacher - dachte man und war ihnen auf den Leim gegangen.Sie schreiben das Drehbuch, bauen den Set auf, richten das Licht ein und dirigieren die Schauspieler. Acht Fotografien, zu Dyptichen geordnet (jeweils 20 000 Mark, Auflage 5), zeigen in "Gregors Room I" einen älteren Mann, der wartet, sucht, den Raum observiert, als könnten die Wände ihm ein Geheimnis verraten. Ein Detektiv vielleicht, oder ein Makler? Die großformatigen C-Prints sind eine Liebeserklärung an das alte Handwerk der Traumfabrik. Hubbard und Birchler machen keine Filme: Aber sie ahmen deren Produktionsschritte nach, genießen die kindliche Lust des als ob im doppelten Sinn. Denn sie tun ja nur so, als würden sie eine Geschichte erzählen.Es geht nicht allein um die Lust am Kino, mit der sich inzwischen eine große Gruppe von Künstlern gegen das Ende der Erzählung wendet. Die gebaute Kulisse und das Atelier als Labor entsprechen sich darin, daß ein Modell für die Realität eingesetzt wird. Ihre Künstlichkeit leugnen diese Spielebenen nicht; eher schon, daß es noch eine Wirklichkeit ohne Inszenierung gäbe.

Galerie Barbara Thumm, Dircksenstraße 41, bis 7. August; Dienstag bis Freitag 13 - 19 Uhr, Sonnabend 13 - 18 Uhr.

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