Kultur : Den Mond erstrahlen lassen

Jörg Königsdorf

Im letzten Sommer traf in Deutschlands Plattenläden eine unscheinbare CD ein. Sie stammte von einem unbekannten Label namens Onyx, war in einen schmucklos weißen Pappdeckel verpackt und enthielt ein Werk, das ohnehin schon in zig Aufnahmen auf dem Markt war. Eigentlich ein vorprogrammierter Ladenhüter, wurde diese CD zum Überraschungserfolg des Jahres. Ganz ohne PR und nur dank ihrer künstlerischen Überzeugungskraft (und einiger enthusiastischer Kritiken) schaffte es Christine Schäfer s „Winterreise“ bis in die vorderen Ränge der Klassik-Charts. Tatsächlich ist diese Aufnahme nur ein weiterer Beleg für den Ausnahmerang, den die Wahlberlinerin unter den Sängerinnen der Gegenwart einnimmt. Anfang der Neunziger mit Christiane Oelze und Juliane Banse als Teil des neuen deutschen Sopranfräuleinwunders wahrgenommen, wurde bald deutlich, was Schäfer von ihren schönstimmigen Kolleginnen trennt: eine Unbedingtheit des Ausdruckswillens, der sich mit einem hellwachen, trennscharfen Intellekt verbindet.

Mehr als bei jeder anderen Sängerin hat man bei Schäfer das Gefühl, eine Stimme zu hören, die die Gefühlslagen des 21. Jahrhunderts reflektiert. Bei den Konzerten der Staatskapelle unter Leitung von Michael Gielen am Donnerstag ( Konzerthaus ) und Freitag ( Philharmonie ) singt sie den Zyklus „Finite Infinity“ ihres Mentors Aribert Reimann auf Gedichte von Emily Dickinson. Noch spannender ist Schäfers Gastauftritt im Radialsystem am Samstagabend: Im Rahmen eines Happenings, das der ZDF-Theaterkanal und 3Sat aus Anlass der totalen Mondfinsternis veranstalten, wird Schäfer Mond-Lieder zum Besten geben. Da zudem noch Auftritte von Adam Green und Barbara Sukowa geplant sind, sollte man sich wohl schleunigst um Karten bemühen.

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