Kultur : Den Schuft in dir bieg ich zurecht

Angeboren oder anerzogen? Peter Buwalda schreibt ein Familienepos in Zeiten des Patchworks.

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Familiengeschichten sind das Brot der Literatur, doch Patchworkgemeinschaften, unsichere Herkunft und medizinische Eingriffe produzieren Konfliktlinien, die sich nicht mehr durch einfache Familienaufstellungen lösen lassen. Das stellt auch das Mathematikgenie Siem Sigerius, Rector magnificus an der Enscheder Universität Tubantia, auf die Probe. Der Spezialist für mathematische Knotentheorie steht vor einem unlösbaren familialen Schleifenknoten: nature oder nurture, genetische Mitgift oder Erziehung? Dieses Rätsel strukturiert den umfangreichen Familienroman des niederländischen Newcomers Peter Buwalda, in dem die Titel gebende kalifornische „Bonita Avenue“ zwar eine Nebenrolle spielt, aber daran erinnert, dass es im Leben des spät entdeckten Wunderkinds auch einmal glückliche Zeiten gegeben hat.

Als Aaron Bever durch seine Freundin Joni in die Familie Sigerius gerät, ahnt er weder etwas von deren Geheimnissen, noch dass ihm dabei einmal eine kathartische Rolle zuwachsen wird. Denn nach außen hin repräsentieren Siem Sigerius, seine Frau Tineke und die nach Joni Mitchell und Janis Joplin genannten Töchter eine respektable, erfolgreiche niederländische Familie, „in der das geheime Codewort Leistung“ heißt. Mit Sigerius teilt der gescheiterte Student der Literatur und Fotograf die Liebe zum Judo-Kampfsport und eine gewisse verbal ausgelebte Affinität zur Gewalt.

Aaron bewundert Siem „wie einen Dalai Lama“ und Joni ist er in eifersüchtiger Liebe verfallen, während Siem in Aaron „fast einen Sohn“ sieht, um den eigenen, Wilbert, zu vergessen. Dass die beiden Töchter, für die Siem die rechte (Joni) und die linke (Janis) Hand ins Feuer legen würde, gar nicht von ihm abstammen, andererseits ein leiblicher Sohn existiert, der wegen Totschlags im Knast sitzt, erfährt Aaron nach und nach.

Aber auch Aaron und Joni teilen ein dunkles Geheimnis, auf das Siem stößt, als er, eigentlich ein „Mann ohne erotische Geheimnisse“, auf amouröse Abwege gerät. Die ehrgeizige Joni liebt das Risiko und verwickelt Aaron in ein Pornounternehmen, das zumindest Sigerius, der auf ein Ministeramt spekuliert, erpressbar macht. Als schließlich eine Feuerwerksfabrik in die Luft fliegt, was Aaron und Joni zwingt, im Bauernhaus der Sigerius unterzuschlüpfen, erreicht das Familiendrama seinen Wendepunkt. Verdrängtes Begehren und Hass, Sex und Gewalt destabilisieren den scheinbar formbeständigen „Kleeblattknoten“ des Trios.

Diese vordergründig recht einschichtig wirkende Geschichte, die am Rande aus den Annalen Enschedes schöpft, bewegt sich auf mehreren raffiniert arrangierten Zeitebenen. Erzählt wird alternierend aus der Sicht Siems, Aarons und Jonis, die letztere aus Ich-Perspektive und räumlicher Distanz. Die 21 ineinandergreifenden Kapitel rekonstruieren den „Familienknoten“ und die damit verbundenen Schuldzusammenhänge, legen aber gleichzeitig neue Schlingen, die in die Vergangenheit der Protagonisten und ihre Familiengeheimnisse weisen.

Als die Ereignisse eskalieren, muss sich Siem Rechenschaft darüber ablegen, was schiefgelaufen ist bei seinem kriminellen Sohn und seiner Tochter, die er zwar nicht zeugte, aber doch formte. Der Mathematiker, der darin geübt ist, nur zwischen wahr und nicht wahr zu unterscheiden, gerät in die Untiefen von Anlage und kultureller Prägung. Am Anfang glaubt er noch an die „Mengenverhältnisse“ von nature und nurture: „Man kann einen geborenen Schuft zurechtbiegen.“ Als er begreift, dass er sich zumindest im Fall von Wilbert getäuscht hat, muss er sich fragen: „Was ist mein Anteil daran?“

Dieser wissenschaftskritische Subtext des Romans wirkt ebenso oberflächlich wie die Anleihen an der Enscheder Chronik. Überflüssig auch, dass dem Niederländer Sigerius für seine Polynomtheorie – die bei der Entschlüsselung der DNS eine Rolle spielt – die renommierte Fields-Medaille angedichtet wird, die sich in Wirklichkeit allerdings ein Neuseeländer, Vaughan Jones, verdient hat. Allzu erkennbar bleibt der 1971 in Brüssel geborene und in Haarlem lebende Buwalda, der in seiner Heimat mit Preisen überhäuft und als „niederländische Antwort auf Jonathan Franzen“ gefeiert wird, auf den Effekt fixiert, auf die sexbesessenen Sensationen und Abgründe.

Dabei hat seine vor Einfällen strotzende, opulente Erzähllust durchaus etwas Bezwingendes und Überwältigendes – so lange jedenfalls, wie einen Klammereinschübe von anderthalb Seiten nicht in Atemnot bringen und die stakkatoartig eingeflochtenen Bilder mit zunehmendem Erzähltempo nicht abrutschen: Man mag sich zwei in „einem genetischen Boot“ sitzende Leute gerade noch vorstellen, aber „ein Gesicht wie ein leer stehendes Lagerhaus“, „ein Bauernhaus wie ein ausgestopftes Tier“ oder einen „Kreißsaal der Katastrophen“?

Abgesehen von sprachlichen Schiefheiten und Ungenauigkeiten (mal ist von einem „großen Gästebett“ die Rede, ein paar Seiten später von einem „schmalen“), mangelt es dem Roman vor allem an psychologischer Tiefenschärfe. Die Figuren, so barock sie ausgemalt sind, haben nicht entfernt zu tun mit den fein ausgeloteten Charakteren eines Franzen. Der unbändige Hass Wilberts auf den alten Sigerius bleibt ebenso behauptet wie Jonis Zerrissenheit zwischen Mutterrolle und ihrem Exhibitionismus, den sie – auf der Gegenwartsebene des Romans – in der kalifornischen Pornoindustrie auslebt. „All das, wobei Berechnungen versagen“, würde der Mathematiker Sigerius vielleicht Einstein zitieren, „nennen wir Zufall“. Die Notwendigkeiten, die sich gemeinhin literarisch aus dem Zufall ableiten, erschließen sich in diesem Roman nicht immer. Ulrike Baureithel

Peter Buwalda:

Bonita Avenue.

Roman. Aus dem

Niederländischen von Gregor Seferens.

Rowohlt Verlag,

Reinbek 2013.

638 Seiten, 24,95 €.

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