Kultur : Den Ton zum Sprechen bringen - mit dem Berliner Sinfonie-Orchester

Frederik Hanssen

All jene, die am Ostersonntag eigentlich zu Kurt Sanderlings Konzert mit dem Berliner Sinfonie-Orchester im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gehen wollten und sich wegen des schönen Wetters dann doch für den heimischen Balkon entschieden haben, sollten diesen Artikel besser nicht lesen. Sie könnten ihre Entscheidung nämlich bereuen. Denn die Aufführung von Bruckners 7. Sinfonie, die an diesem Abend zu hören war, zählt zu den Live-Erlebnissen, die man so schnell nicht vergisst: Knisternde Spannung vom ersten Takt an - und ein Orchester, das "seinem" Dirigenten alles geben will. Von 1960 bis 1977 war Kurt Sanderling Chefdirigent des BSO, und obwohl gar nicht mehr so viele Musiker auf dem Podium sitzen, die noch unter ihm gespielt haben, spürt man die Ehrfurcht, mit der alle BSO-Mitglieder dem 87-jährigen Maestro begegnen.

Wenn Kurt Sanderling Bruckner dirigiert, wirft die ganze Erfahrung eines langen Kapellmeisterlebens ins die Waagschale: Seine Musikzierhaltung kennt keine Starallüren, keine Profilierungssucht. Sein Bruckner ruht in sich, auch wenn er prachtvoll und tonmächtig im Fortissimo aufbraust. Die sinfonische Dramaturgie entwickelt sich von innen heraus, zwingend und organisch. Ein Bruckner, der zu den Leuten kommt.

In hellem Licht strahlen die Klangflächen des Kopfsatzes, in geradezu österlicher Pracht - so könnte die Fortsetzung des "Parsifal" klingen, von Anton Bruckner seinem hochverehrten Vorbild Richard Wagner untertänigst zugeeignet. Selbst die einst viel geschmähten Brüche im musikalischen Fluss, die abrupten Lautstärkewechsel erscheinen hier weniger scharfkantig als sonst. Das ist vor allem den BSO-Streichern zu danken und ihrem wundervoll sattem, eindringlichem Spiel: Sie lassen auch das Adagio abheben, diesen Trauermarsch auf Wagner. Unter Kurt Sanderlings Händen entfaltet er sich zu einem bittersüßen Klagegesang, dessen Stimmung sich noch am ehesten mit dem (unübersetzbaren) portugiesischen Ausdruck "saudade" erfassen lässt: ein Gefühl zwischen süßer Erinnerung und Sehnsucht nach dem Unerreichbaren.

Dass die Blechbläser nach den filmreifen Attacken des Scherzo im Finale Erschöpfungsanzeichen nicht verbergen können, verübelt ihnen keiner der Zuhörer. Wo es um lebendige, spannende Musik geht, war Makellosigkeit noch nie der entscheidende Gradmesser.

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