Kultur : Den Westen testen

Gegen den Untergang: Niall Ferguson und Amitai Etzioni blicken in die Zukunft der globalen Ordnung.

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Die Reise hat begonnen. Der Bahnhof von Wuchan, zu Beginn des chinesischen Neujahrs am 8. Januar. Foto: Reuters
Die Reise hat begonnen. Der Bahnhof von Wuchan, zu Beginn des chinesischen Neujahrs am 8. Januar. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Hat Niall Ferguson mit „Der Westen und der Rest der Welt“ einen zeitgemäßen Titel für sein neues Buch gewählt? Müsste er angesichts der westlichen Staatsschuldenkrise nicht besser lauten „Die Welt und der Rest vom Westen“? Schließlich konstatiert auch Ferguson am Ende seines Ritts durch die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen, dass es für absteigende Mächte immer ein qualvolles Dilemma ist, wie sie mit kommenden Mächten umgehen sollen. So musste Fergusons Heimat Großbritannien nach dem Urteil des in Harvard und Oxford lehrenden Historikers seinen Widerstand gegen den Aufstieg Deutschlands „wahrlich teuer bezahlen“. Es sei dann weit einfacher gewesen, sich still und leise mit der Rolle eines Juniorpartners der Vereinigten Staaten abzufinden. Sollte also Amerika versuchen, China einzudämmen oder zu beschwichtigen?

Anhand von aktuellen Meinungsumfragen zeigt Ferguson, dass die Amerikaner in dieser Frage gespalten sind: Fast die Hälfte erwartet nicht, dass China ihr Land als wichtigste Supermacht der Welt ablösen wird. Eine ähnlich hohe Zahl vertritt jedoch die gegenteilige Meinung. Hierfür hat Ferguson Verständnis. Seiner Meinung nach war es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, „der vielen politischen Kommentatoren zu Kopf stieg“, schon schwer genug, mit einer neuen Weltordnung zurechtzukommen. Dabei hatte der Kalte Krieg nur etwas mehr als vier Jahrzehnte gedauert. Und die Sowjets hatten nach Einschätzung des Finanz- und Wirtschaftshistorikers „auch nie die geringste Chance“, die US- Wirtschaft zu überholen.

Was der Westen hingegen nach Fergusons Analyse derzeit erlebt, ist das Ende seiner 500-jährigen Vorherrschaft. Denn dieses Mal stellt die östliche Macht wirtschaftlich und politisch eine echte Herausforderung dar. Zwar sei es für die Chinesen noch zu früh, zu triumphieren und auch ein „Kampf der Kulturen“ im Sinne von Samuel Huntington scheine immer noch weit entfernt. Aber der Westen dürfte nun selbst die Art von Wandel erleben, die in der Vergangenheit beinahe immer zu seinen Gunsten ausfiel: Eine Zivilisation wird schwächer, eine andere stärker. Dabei ist für Ferguson die entscheidende Frage nicht, ob die beiden gewaltsam aneinandergeraten werden, sondern ob die schwächere am Ende vollständig zusammenbrechen wird.

Zwar ist der militärische Rückzug von den Bergen des Hindukusch oder aus den Ebenen Mesopotamiens seit alters her der Vorbote von Niedergang und Sturz – ob im Fall der persischen, griechischen, römischen, britischen oder sowjetischen Reiche. Aber gerade weil Ferguson in seinem neuen Werk die Lebenszyklen der großen Mächte und Kulturen der Weltgeschichte untersucht hat, warnt er die westliche Zivilisation vor einem übertriebenen Fatalismus: Sicherlich seien die Dinge, die den Westen einmal vor dem Rest der Welt ausgezeichnet hätten, nicht mehr sein Monopol – die Chinesen haben den Kapitalismus übernommen, die Iraner die Naturwissenschaften, die Russen zumindest formal die Demokratie. Aber dies bedeutet zugleich, dass die westliche Art, die Dinge zu gestalten, keinesfalls als überholt anzusehen ist, sondern beinahe überall auf der Welt blüht und gedeiht – oder wie Ferguson es prägnant zusammenfasst: „Eine wachsende Zahl von Nicht-Westlern schläft, duscht, arbeitet, spielt, isst, trinkt, reist und kleidet sich wie die Leute aus dem Westen.“

Somit bietet die westliche Zivilisation der übrigen Welt ein ganzes „Paket“, wie Ferguson den weiterhin bestehenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Standortvorteil des Westens beschreibt: politischen Pluralismus in Form verschiedener Staaten und Autoritäten, Kapitalismus, Gedankenfreiheit, wissenschaftliche Methode, Rechtsstaatlichkeit, das Recht auf Eigentum und Demokratie. Bis heute besitzt der Westen nach Fergusons treffender Beobachtung mehr von diesen institutionellen Vorteilen als die übrige Welt: China hat keinen politischen Wettbewerb, der Iran keine Gewissensfreiheit, in Russland wird zwar gewählt, aber die Rechtsstaatlichkeit ist nur Schein. Und in keinem dieser Länder existiert eine freie Presse. Diese Unterschiede können nach Fergusons Analyse auch erklären, warum diese Staaten in qualitativen Indizes, welche die „nationale innovative Entwicklung“ und die „nationale Innovationsfähigkeit“ messen, dem Westen weit hinterherhinken.

Und nicht zuletzt: Dieses „westliche Gesamtpaket“ offeriert den Gesellschaften das beste gegenwärtig erhältliche Angebot an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die am ehesten die individuelle menschliche Kreativität freisetzen, die fähig scheint, all die Probleme zu lösen, vor denen die Welt im 21. Jahrhundert steht.

Auch Amitai Etzioni sieht keinen Grund, warum der Westen den Glauben an sich selbst verlieren sollte – allen aktuellen Krisen zum Trotz. Zugleich erwartet der an der George Washington University lehrende Soziologe, dass die USA ihre Rolle als Supermacht zwar nicht aufgeben, aber ihre Kraft vermehrt in multilaterale und legitime Bestrebungen investieren werden wie den Kampf gegen den Terrorismus oder die Bemühungen um nukleare Abrüstung, die nach Etzionis Urteil eine gute Grundlage für eine globale Sicherheitsbehörde bilden würden.

In einer solchen Institution sieht er das Fundament für einen globalen Staat. Das Verhältnis zwischen einer derartigen Behörde sowie anderen, die in Gestalt des Internationalen Strafgerichtshofs oder der Welthandelsorganisation bereits existieren, und den Vereinten Nationen bezeichnet Etzioni wenig überraschend als „kompliziert“. Denn die UN treten im Wesentlichen wie eine legitimierende Instanz auf – eine wichtige Quelle „weicher Macht“. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass die UN ohne die „harte Macht“ der USA und anderer Staaten oft nicht wirkungsvoll handeln können. Für sich betrachtet bilden die UN daher nicht einmal den Ansatz zu einer globalen Regierung. In Verbindung mit mächtigen Staaten können sie es allerdings sein.

Etzioni versteht sich bei seinen Überlegungen zu einer kommunitaristischen Theorie internationaler Beziehungen nicht als „Realist“, der gewöhnlich öffentliche und internationale Angelegenheiten von militärischen und wirtschaftlichen Faktoren beherrscht sieht. Vielmehr hat der ehemalige Berater von Präsident Jimmy Carter sein Werk bewusst normativ angelegt und schenkt dementsprechend moralischen Fragen viel Aufmerksamkeit. Seine Hauptthese lautet, dass mit beginnender Herausbildung einer globalen Gesellschaft normative Faktoren an Bedeutung gewinnen werden.

Zudem beobachtet Etzioni einen weitverbreiteten spirituellen „Hunger“, aus dem er folgert, dass Menschen, denen nach dem Zusammenbruch säkularer oder religiöser totalitärer Regime nur eine moralische Leere geblieben ist, eher bereit sind, Glaubenssysteme anzunehmen, die mit einer „guten“ Gesellschaft vereinbar sind, in der ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht zwischen Autonomie – in Form von Rechten und Freiheit – und sozialer Ordnung besteht und in der die soziale Ordnung weitgehend auf Überzeugung anstatt auf Zwang beruht. Daraus ergebe sich die besondere und dringende Notwendigkeit, „weiche“ moralische Antworten zu geben.

Etzioni ist aber „Realist“ genug, um Vorzeichen zu erkennen, die darauf hindeuten, dass sich auch die neue globale Architektur zuerst um das kümmern wird, was er die „Ethik des Überlebens" nennt, und sich erst dann um andere transnationale Herausforderungen wie Umweltzerstörung oder Menschenhandel sorgen wird, mit denen weder Nationen noch zwischenstaatliche Organisationen alleine fertig werden. Am Ende scheint Etzioni mehr „Realist“ zu sein, als er selbst glaubt.

Niall Ferguson: Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen. Propyläen Verlag, Berlin 2011. 559 Seiten, 24,99 Euro.

Amitai Etzioni: Vom Empire zur Gemeinschaft. Ein neuer Entwurf der Internationalen Beziehungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011. 362 Seiten, 22,95 Euro.

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