Denis Scheck: Aufgeschlagen, zugeschlagen : Zeilenschinder-Internationale

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, rezensiert einmal monatlich die „Spiegel“-Bestseller, abwechselnd Belletristik und Sachbuch. Diesmal: Belletristik.

Denis Schecks Rezensionen erscheinen im Tagesspiegel parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. (Sonntagabend, 0 Uhr 5, Gäste Mariam Kühsel-Hussaini, Ralf König).

10) Sophie Kinsella: Mini Shopaholic (Deutsch von Jörn Ingwersen, Manhattan, 464 Seiten, 14,99 €)

Angeblich ein moderner Unterhaltungsroman über eine modebewusste Markenfetischistin mit Kind, tatsächlich aber eine Dressuranleitung, mittels derer junge Frauen zu geistfeindlichen, gebärfreudigen Schnäppchenjägerinnen abgerichtet werden: Menschen, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennen.

9) Cordula Stratmann: Sie da oben, er da unten (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 204 Seiten, 13,95 €)

Sollten Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt haben, ihren Partner zu erwürgen: Lesen Sie diesen Roman. Denn genau dies lässt Stratmann ihren Helden Dieter in die Tat umsetzen: Nach einigen Ehejährchen zuviel erwürgt Dieter seine Ehefrau Sabine, die dafür in den Himmel kommt und mit Hildegard Knef lecker Likörchen trinken darf, während Dieter im irdischen Fegefeuer schmort. Ein origineller Unterhaltungsroman, der, so er nur in die richtigen Hände gelangt, gerade zu Weihnachten unter Umständen das eine oder andere Leben retten könnte.

8) P. C. und Kristin Cast: Ungezähmt (Deutsch von Christine Blum, Fischer FJB, 538 Seiten, 16,95 €)

Ein Buchbastard. Das Mutter-TochterDuo Cast hat aus dem Zaubererinternat Harry Potters und Stephenie Meyers Vampir-Schmonzetten einen hässlichen Homunkulus erschaffen. „Ungezähmt“ ist nun schon der vierte seelenlose Roman über das Vampir-Internat und die Jungvampirin Zoey Redbirds, und genau wie die anderen drei im aufgeblähten Redundanz-Stil der Zeilenschinder-Internationale geschrieben.

7) Elizabeth George: Wer dem Tod geweiht (Deutsch von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann, Blanvalet, 832 Seiten, 24,99 €)

Wie gut Serienkonfektion im Kriminalroman ausfallen kann, beweist die Amerikanerin Elizabeth George mit ihren englischen Kriminalromanen. Der 16. Fall mit Inspektor Thomas Lynley handelt von einem ermordeten jungen Mädchen, Kindesmissbrauch und einer alten Münze. Wie immer bei George hat dieser psychologisch versierte, ja raffinierte Kriminalroman die Form einer großen Familienaufstellung: Mit Isabelle Ardery führt George zudem eine neue Ermittlerin ein, die den trauernden, weil frisch verwitweten Lynley erst wieder in den Dienst der Londoner Polizei zurückholen muss. Ein umfangreiches, aber keineswegs zu langes Buch: eine schiere Wonne der Unterhaltungsliteratur.

6) Tommy Jaud: Hummeldumm (Argon Verlag, 320 Seiten, 13,95 €)

Durch und durch vulgär erzählt dieser Roman auf Schenkelklatscherniveau von öden und vorhersehbaren Figuren in Köln und Afrika. Ein Buch für Menschen, die gern in Bierzelten mitsingen.

5) Jussi Adler-Olson: Schändung (Deutsch von Hannes Thies, dtv, 460 Seiten, 14,90 €)

Selten hat mich die Entwicklung einer Krimiserie so enttäuscht wie dieser Roman um Carl Morck, dessen Assistentin Assad und die nun neu hinzukommende Bürokraft Rose von Dezernat Q der Kopenhagener Polizei. Adler-Olson setzt ganz auf grelle Gewaltschilderungen und albernes Schwarz-Weiß-Denken. „Wie krank im Kopf musste man sein, um sich darüber zu amüsieren?“, lässt er seinen Ermittler Morck auf Seite 442 denken. Diese Frage zielt in diesem Fall weniger auf die Täter als auf den Autor.

4) Cornelia Funke: Reckless (Dressler Verlag, 346 Seiten, 19,95 €)

Nach ihrer grandiosen Tintenwelt-Trilogie hat Cornelia Funke für „Reckless“ den Märchenkosmos der Brüder Grimm geplündert und inszeniert mit vielen Kulissen daraus eine durch und durch eigene fantasievolle Geschichte um Liebe und Macht, den König der edelsteinhäutigen Goyls, der sich eine Menschenfrau nehmen möchte, und eine Kaiserin, die vom Endsieg träumt. Ein ideales Weihnachtsbuch.

3) Jussi Adler-Olsen: Erbarmen (Deutsch von Hannes Thies, dtv, 420 S., 14,90 €)

Der erste Band Carl Morck und Hafez el-Assad, die abgeschoben im Keller des Kopenhagener Polizeipräsidiums die Akten unaufgeklärter Kriminalfälle der Vergangenheit von der linken Seite ihrer Schreibtische auf die rechte räumen sollen, ist spannend und unterhaltsam.

2) Ken Follett: Sturz der Titanen (Deutsch von Rainer Schuhmacher und Dietmar Schmidt, Bastei Lübbe, 1024 S., 28 €)

Prinzen und Bettelknaben, russische Waisen und englische Ladys, Grubenarbeiter und Könige bevölkern diesen Roman, der versucht, die Geschichte Europas am Vorabend des Ersten Weltkriegs als monumentalen Familienroman zu erzählen. Das Ergebnis ist ein heillos überfrachteter historischer Lastensegler, sehr gut gemeint und deshalb das Gegenteil von gut.

1) Dora Heldt: Kein Wort zu Papa (dtv, 384 Seiten, 12,90 €)

Christine ist 47, hat ihren Job verloren und schreibt schlecht bezahlte Kolumnen für Frauenzeitschriften, als sie einen Notruf ihrer Freundin Marleen erhält: Mit ihrer Schwester soll sie zwei Wochen deren Zehn-Zimmer-Pension auf Norderney führen. Der Haken an der Sache: Marleen bietet Halbpension an, doch weder Christine noch ihre Schwester können kochen. Eine Nebenfigur dieses Romans ist der Barkeeper Pierre, der eigentlich Peter heißt und in Wahrheit aus Winsen an der Luhe stammt, sich aber „Pierre aus Berlin“ nennt, weil das mondäner klingt. Heldt verfolgt genau die umgekehrte Strategie: Ihr heiter belangloser Roman aus der Provinz möchte es seinen Lesern so anstrengungslos bequem machen wie ein ausgelatschter Hausschuh. Aber würden Sie in einem Schuhladen einen ausgelatschten Hausschuh kaufen, nur weil er bequem ist? Eben!

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