Denis Schecks Literatur-Kolumne : Nüchtern durch mehr Saufen!

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die "Spiegel"-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch.

Denis Scheck

10) R. D. Precht: Wer bin ich, und wenn ja wie viele (Goldmann, 400 S., 14,95 €)

Diese gut geschriebene und leicht zugängliche Einführung ins philosophische Denken steht jetzt schon so lange auf der Bestsellerliste, dass ich das Lob dafür kurz halten und mit einer Frage verbinden möchte: Warum reagiert der deutsche Kulturbetrieb eigentlich so reserviert auf Richard David Precht? Mag sein, dass tiefere Denker schon schwerere Steine gewälzt haben. Bloß wo bitte schön denn auf dem Markt der populären Sachbücher?

9) Margot Käßmann: In der Mitte des Lebens (Herder, 160 S. 16,95 €)

Changierend zwischen Redeentwürfen und autobiografischen Notizen, geschrieben in jenem anbiedernden psychologisierenden Kauderwelsch, das zum Niedergang der protestantischen Predigt beigetragen hat, ist dieses in seiner Konzeption nicht nachvollziehbare, in seinen Gedankengängen sprunghafte Büchlein eher eine Art Promigucken als wirklich etwas zum Lesen.

8) Axel Hacke, Giovanni di Lorenzo: Wofür stehst Du? (Kiepenheuer & Witsch, 230 S., 18,99 €)

Woher stammen unsere moralischen Leitlinien? Wer legt wodurch unser ethisches Fundament in uns? Was prägt uns fürs Leben? Zwei Journalisten denken darüber in Form locker erzählte Anekdoten nach: ein leichtes und dennoch nicht oberflächliches Buch.

7) Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab (DVA, 464 S., 22,99 €)

„Migration kann und soll es auch in Zukunft geben“, schreibt Thilo Sarrazin großzügig. „Die Beweglichen, die Tüchtigen sollen zu jeder Zeit aufbrechen können und ihr Brot verdienen, wo es ihnen gefällt – vorausgesetzt, sie fügen sich ein in die Kultur ihres Gastlandes.“ Dieses Buch führt in seiner Pervertierung knallharter Wirtschaftslogik schnurstracks in jenes Land Absurdistan, wo Altenheime nur den leistungsbereiten Jungen, Schulen nur den Gebildeten und Krankenhäuser nur den fitten Gesunden offenstehen.

6) Joachim Fuchsberger: Altwerden ist nichts für Feiglinge (Gütersloher Verlagshaus, 224 S., 19,99 €)

Bei allem Respekt vor schneeweißen Haaren: diese Sammlung von in Kukident- Prosa verfassten Lebensweisheiten, Schwänken und stammtischphilosophischen Betrachtungen über weltbewegende Ereignisse wie Lena Meyer-Landruts Grand-Prix-Teilnahme besitzt die literarische Haltbarkeit einer Eintagsfliege.

5) Bernd Stelter: Wer abnimmt, hat mehr Platz im Leben (Lübbe, 232 S., 18 €)

Gibt es irgendeinen Jogger, der die Erfahrung des langen Laufs zu sich selbst noch nicht in Buchform veröffentlicht hat? Bernd Stelters Jogging-Biografie trabt als Nachzügler an und folgt mit jeder Menge Blei in den Beinen dem bewährten Ratgeber-Rundkurs von Standardwerken wie „Nüchtern durch mehr Saufen!“

4) Eckart Lohse und Markus Wehner: Guttenberg (Droemer, 384 S., 19,99 €)

Ein emotional aufwühlendes Buch aus der Feder zweier „FAZ“-Journalisten, das die Geschichte eines grausamen sozialen Abstiegs in der Bundesrepublik nachzeichnet. Aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen, gerät ein junger Mann durch falsche Leitbilder schon früh auf die schiefe Bahn: CSU, Jurastudium, Heirat, Bundestag, am Ende dann Verteidigungsministerium. Der Rest der traurigen Geschichte ist bekannt. Ich habe viel geweint.

3) Dieter Nuhr: Der ultimative Ratgeber für alles (Lübbe, 304 S., 12,99 €)

Als möglichen Alternativtitel für sein Werk schlägt Dieter Nuhr vor: „Wie man ein Buch schreibt, für das jeder Idiot viel Geld bezahlt“. Dem kann man eigentlich nichts hinzufügen. Da Dieter Nuhr aber nicht nur flache Witze reißt, sondern auch zentrale Fragen erörtert wie: „War Hamza Hakimzoda Niyoiy wirklich vom tatarischen Dschadidismus beeinflusst?“, lacht hier niemand unter Niveau.

2) Walter Kohl: Leben oder gelebt werden (Integral, 274 S., 18,99 €)

Zu Anfang war ich sehr skeptisch und witterte hinter diesem Buch Motive wie Vatermord und die Ausbeutung eines berühmten Namens. Beides hat hier auch seinen Anteil: Aber diese Auseinandersetzung des Sohns eines deutschen Bundeskanzlers mit seiner Familie ist so reflektiert, dass sie auch in der politischen Analyse des „Stammeschefs“ Helmut Kohl bemerkenswerte Einsichten bereithält, etwa die, dass im System Kohl das Prinzip gilt: „Das Persönliche steht über der Sache.“

1) Joseph Ratzinger: Jesus von Nazareth - Band II (Herder, 368 S., 22 €)

Vom Einzug in Jerusalem bis zur angeblichen Auferstehung schildert der Theologe Joseph Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI. die Geschicke der katholischen Kirche leitet, im zweiten Teil seines Jesus-Buchs die sattsam bekannte Geschichte des Zimmermannsohns. Es ist ein langweiliges, wohl primär für Gläubige gedachtes Buch, gemessen an anderen Werken Ratzingers intellektuell dürftig, von dem mir nur ein Satz in Erinnerung bleibt: „Es ist das Geheimnis Gottes, dass er leise handelt.“ Nicht nur Gottes – Schweigen ist auch die schärfste Waffe des Kritikers.

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