DENKEN : Der Chef und das Hilfspersonal

Für den Philosophen Immanuel Kant gab es genau vier Fragen, die sich ernsthaft denkende Menschen stellen müssen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und: Was ist der Mensch? Wir beantworten sie, nicht immer ganz ernst gemeint, mit dem Hinweis auf eine besonders empfehlenswerte Veranstaltung im Vortrags-, Lesungs- und Debattendickicht Berlins – und den Menschen, der dahintersteht.

Was kann ich wissen?

Dies ist die letzte Kolumne unter dem Stich- und Leitwort „Denken“. Da bietet es sich an, auf die „Wortservierungen“ von Richard Burger im Literaturhaus hinzuweisen, da sie mit dem Motto „Berlin – Eigenlob stinkt“ eine Steilvorlage für eine kleine Rückschau auch auf diese Kolumne bieten (Montag, 21 Uhr, Fasanenstr. 23). Was immer Richard Burger Ihnen kredenzt, wir erfinden jetzt flugs eine neue journalistische Form: den embedded columnism, eine jahreszeitlich angepasste Schreibweise, denn dieser leicht spacige Zeitraum „zwischen den Jahren“ soll ja traditionell zum Innehalten und Bilanzziehen genutzt werden. Fern jeden Eigenlobs beginnen wir gleich mit einem Manko: 34 Kolumnen sind erschienen und damit eine mehr, als dass wir das Ende dieser Rubrik mit der zahlenmystischen 33, die als Zahl der Vollendung gilt, hätten krönen können. Andererseits wäre Vollkommenheit dem gedanklichen Projekt dieser Kolumne – die vier Fragen Kants als offener Auslegungshorizont – vielleicht eher abträglich gewesen.

Stellt sich die Frage nach dem Erkenntnisgewinn. Was wissen wir über diese Kolumne, über das Kolumnenschreiben im Allgemeinen? Natürlich stand sie zuallererst Ihnen, verehrte Leserin, lieber Leser, zu Diensten. Was ist los, was ist spannend und relevant im – nennen wir es mal altertümlich so – geistigen Leben der Stadt? Unter der Hand verwandelte sich diese Angelegenheit zur wöchentlichen Denksportaufgabe, die gelegentlich von einem Anfall milder Verzweiflung begleitet wurde: Wie, bitteschön, soll denn diese interessante Veranstaltung in das Schema der vier kantschen Fragen passen? Wieso eigentlich Kant? Gab’s keinen anderen? Herausgekommen ist am Ende immer ein lustvoller Gedankengang, und die philosophischen Fragen fungierten als Spazierstöcke, die für zügiges Gehen auch in unwegsamem Gelände sorgten. Kolumnenchef Kant schüttelt den Kopf. Derlei blumige Metaphern sind seine Sache nicht, zumindest dann nicht, wenn sie vom Hilfspersonal kommen.

Das könnte ein weiteres Stichwort sein. Kolumnen sind personalisierte Texte im Zeitungsdickicht, definitionsgemäß handelt es sich um den wiederkehrenden Meinungsbeitrag eines Autors bzw. einer Autorin. Immer wieder tritt derselbe Mensch auf und erfreut oder entnervt mit seinen Ansichten und Schreibweisen. Wobei – derselbe Mensch? Harald Martenstein hat einmal geschildert, wie er am Anfang seiner Kolumnistenlaufbahn eine Kunstfigur für seine Texte erfunden habe: „einen älteren, übellaunigen Typen, der sich über alles Mögliche aufregt“. Der sollte natürlich ganz anders sein als er selbst, schließlich sei er „viel ruhiger und gelassener“. Dann musste er sich von seinem Umfeld sagen lassen, „dass ich in Wirklichkeit genau der Typ bin, der in den Kolumnen auftritt. Offensichtlich habe ich mich also geirrt. Ich bin gar keine Kunstfigur“. Kolumnisten sind also Kunstfiguren oder halten sich dafür. Kein Wunder, dass hier schnell mal Verwirrung eintritt. Zumal, so Martenstein weiter, das Kolumnentum im Bereich des Literarischen stattfindet. Konfusionen sind für Kolumnisten damit programmiert. Als authentische Kunstfiguren lavieren sie zwischen dem Wahrheitsanspruch des Journalistischen und dem Ästhetischen der Literatur.

Was soll ich tun?

Denken.

Was darf ich hoffen?

Kolumnenchef Kant hat folgenden Ratschlag parat: „Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“

Was ist der Mensch?

Diesmal eine Kunstfigur mit Echtheitszertifikat: Ihre ehemalige Kolumnistin Elke Brüns.

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