Kultur : Denken, fleddern, samplen

Sebastian Baumgarten geht gern an die Grenzen der Gattung Oper – nun inszeniert er Mozarts „Requiem“

Udo Badelt

Wer die Kantine der Komischen Oper besucht, sitzt meistens im Hauptraum. Vielleicht nicht ohne Grund. Im Hinterzimmer führt man ein Schattendasein. Geräusche dringen nur gedämpft herein, die Wände sind seit der jüngsten Renovierung pechschwarz gestrichen. Beste Bedingungen also, um mit Sebastian Baumgarten über Mozarts „Requiem“ und damit über den Tod zu sprechen. Denn hier, im Hinterzimmer, kann die nötige Stille wenigstens kurzzeitig zu ihrem Recht kommen.

„Es braucht Zeit, um mit der physischen Abwesenheit eines Menschen, den man geliebt hat, fertig zu werden“, sagt Sebastian Baumgarten. „Dafür gab es früher Rituale, die in einer auf Ökonomie und Tempo orientierten Gegenwart verloren gehen. Ich glaube, dass das etwas mit uns macht.“ Der Regisseur spricht nicht einfach so ins Blaue hinein. Seine Mutter ist kürzlich verstorben. Das ist aber nicht der Grund, warum er jetzt Mozarts „Requiem“ auf die Bühne bringt. Den Auftrag hat er schon lange vorher bekommen. Aber natürlich hat er so am eigenen Leib verspürt, wie wenig Zeit der Betrieb lässt, um zu trauern. Wie wenig Platz für Rituale ist.

Seine Inszenierung allerdings wird davon nur indirekt berührt: „Wenn Christoph Schlingensief, der unter Krebs gelitten hat, die Krankheit in einer großen Selbstinszenierung thematisiert, hat das seine Berechtigung, denn das ist eine Form der Selbsttherapie. Meine private Geschichte hingegen hat auf der Bühne an diesem Abend nichts zu suchen“, findet Baumgarten. Bei Mozart ist das anders. In seinem „Requiem“ sind Leben und Werk so stark miteinander verwoben, dass sie lange Zeit nur mühsam zu trennen waren: Der geniale Komponist stirbt ausgerechnet über der Arbeit an einer Totenmesse, die ein anonymer Auftraggeber bei ihm bestellt hat. Das war im 19. Jahrhundert natürlich ein Einfallstor für Mythenbildungen aller Art. Und obwohl schon lange bekannt ist, dass das „Requiem“ für den Grafen Franz von Walsegg bestimmt war, der es als seine eigene Kreation veröffentlichen wollte, hat es seine Aura nie vollständig verloren.

Noch immer glaubt man allzu gern, der Tod selbst habe Mozart beim Schreiben die Finger geführt. So gesehen ist es wohl eine gute Idee, das Werk vom Konzertsaal, in den es eigentlich nicht hingehört, auf die Bühne zu bringen. Um ihm das Rituelle zurückzugeben, um daran zu erinnern, dass es ursprünglich eine Funktion hatte: eben eine Messe für einen Verstorbenen zu sein. „Das Ritual“, sagt Sebastian Baumgarten, „bietet die Möglichkeit, das lineare Leben von A nach B nach C für eine gewissen Zeit zu unterbrechen und in eine Zirkelstruktur einzutreten. Erst wenn man das Gefühl hat, der Körper ist wieder soweit, macht man weiter.“ Dem „Requiem“ sei diese Kreisförmigkeit schon eingeschrieben, das Introitus könnte kompositionstechnisch am Ende wieder von vorne anfangen, und auch die Communio am Schluss ist mit dem Beginn fast identisch.

Das ist heute dem Publikum nicht mehr selbstverständlich. Weil aber Baumgarten immer, wie in seiner „Orest“-Inszenierung am gleichen Haus, radikal von einem Heute aus ein gegenwärtiges Thema erzählen will, und weil eine einfache Bebilderung der Musik nicht über bloße theatrale Behauptungen hinausgehen würde, kombiniert er das nicht-szenische Requiem mit einem richtigen Schauspieltext. „In der Schlangengrube“ von Armin Petras und Jan Kauenhowen entstand auf der Basis von Gesprächen mit unheilbar Kranken in Berliner und Brandenburger Hospizen.

Musik und Schauspiel stehen dabei im Gegensatz zueinander – und nähern sich doch auf einer höheren Ebene an. Dieses dialektische Denken in Widersprüchen hat Sebastian Baumgarten wahrscheinlich in der DDR, wo sein Großvater Intendant an der Staatsoper Unter den Linden war, von Anfang an eingesogen. Mag Dialektik für Heiner Müller eine „Rentnerideologie“ gewesen sein, weil ständiges Abwägen am Handeln hindert – für Baumgarten ist der permanente Widerspruch wichtig, um im Leben wie im Theater eine Dynamik aufzubauen.

„Solange man trotzdem an einem bestimmten Punkt handeln kann, ist es okay. Ich habe eine Weile gebraucht, um den Mut aufzubringen, beispielsweise in einer Probe das komplette Gegenteil von dem zu machen, was ich am Vortag gemacht habe. Aber man kommt schneller voran, wenn man sich einmal entscheidet, auch wenn es das Falsche ist, und es dann korrigiert, als wenn man in Ehrfurcht vor der dialektischen Spirale verharrt.“

Es hat sich offensichtlich gelohnt. 2006 wurde er bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Regisseur des Jahres gewählt. Inzwischen ist er 39 Jahre alt und wirkt immer noch ziemlich jugendlich, trotz seiner grauen Haare. Die scheinen eher sein Credo zu beglaubigen, Widersprüchen nicht auszuweichen, sondern sie zu suchen. Genauso wie seine Stimme, die manchmal wie die eines Ostberliner Teenagers klingt, obwohl er geschliffene Sätze von sich gibt. Dass er jetzt mit Mozarts „Requiem“ ein fragmentarisches Werk inszeniert, fügt sich gut ins Bild seiner bisherigen über 50 Arbeiten. In denen hat Baumgarten das Denken in Brüchen zum Programm gemacht, jüngst zerfledderte er „Tosca“ an der Volksbühne – um an die Grenzen der Gattung Oper zu gehen, um sie auf ihre Möglichkeiten zu testen, um ihre Fragestellungen zu erweitern. Er würde Verdi, Mozart, Bach und Wagner gerne nur ausschnittsweise behandeln, einer Abbruchstelle in der Partitur die Chance geben, in der Stille zu reden.

Deswegen fordert Sebastian Baumgarten auch konsequent eine Freigabe der Rechte an den Werken, damit eine künstlerische Debatte über das Sampling möglich wird, also über das kreative Zusammenstellen verschiedener Ausschnitte, wie es in der Popmusik schon lange üblich ist. Was für viele nach dem Tod der Oper klingt, ist für ihn eine Möglichkeit zu ihrer Rettung. Mozart hätte das vielleicht sogar gefallen.

Die Premiere heute ist ausverkauft.

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