DENKEN : Im Auge des Betrachters

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Für Immanuel Kant gab es genau vier Fragen, die sich ernsthaft denkende Menschen stellen müssen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und: Was ist der Mensch? Wir beantworten sie, nicht immer ganz ernst gemeint, mit dem Hinweis auf eine empfehlenswerte Veranstaltung im Vortrags-, Lesungs- und Debattendickicht Berlins – und die Menschen, die dahinter stehen.

Was kann ich wissen?

Es gibt Fälle, in denen diese Frage nicht beantwortet werden kann, da das Erreichen eines festen Wissensbestandes permanent torpediert wird. Wir denken hier an die bange Frage „Bin ich schön?“, die alltäglich Millionen Frauen und Männer nicht nur um-, sondern auch in den kosmetischen und sportlichen Daueraktivismus treibt. Was wird nicht alles aufgeboten, um irgendwelchen Idealen nahezukommen. Und dann: Pech gehabt – mal wieder alles vergeblich! Auch heute sieht frau wieder nicht aus wie Claudia Schiffer, sondern nur wie sie selbst. Tröstlich könnte nun stimmen, dass dem Vernehmen nach selbst Models mit ihrem Äußeren unzufrieden sind. Erstaunlich wäre es nicht, denn um zu diesen Wunderwesen zu werden, die von den Plakatwänden herunterschauen, werden selbst Models mittels Bildbearbeitung optimiert. Die Messlatte in puncto Schönheit wird also in immer unerreichbarere Höhen geschraubt. Wo soll da das selbstverständliche Wissen bleiben, das sich beim Blick in den Spiegel einstellt: „Ich bin schön!“

Was soll ich tun?

Uta Kornmeier zuhören. Sie spricht im Rahmen der Ausstellung „Bin ich schön?“ am Dienstag um 18.30 Uhr im Museum für Kommunikation über Schöne Effekte – Zwischen Heiligenschein und Stigma (Leipziger Str. 16). Es geht darum, welche Auswirkungen das Aussehen auf unsere Wahrnehmung von uns selbst und anderen hat: Im günstigen Fall entsteht der sogenannte „Halo effect“, der attraktiven Menschen positive Charaktereigenschaften zuspricht, im ungünstigen der „Quasimodo effect“. Diese Einschätzungen haben weitreichende Folgen, können sie doch die Basis für chirurgische Eingriffe sein.

Was darf ich hoffen?

Dass wir weniger Bohei um die Schönheit machen. Denn es ist nicht nur ungerecht, dass gut aussehende Menschen für sympathischer, großzügiger und klüger gehalten werden als ihre weniger attraktiven Zeitgenossen, es stimmt auch einfach nicht. Mit den Falscheinschätzungen würde auch so mancher Operation die Grundlage entzogen.

Was ist der Mensch?

Recht betrachtet: schön. Denn da folgen wir gerne der tröstlichen Einsicht des Dichters Christian Morgenstern: „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Viel Spaß beim nächsten Blick in den Spiegel! Elke Brüns

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