Kultur : Denken live

CHRISTINE WAHL

Von sehr alternativen Anfangszeiten und rahmenden Happenings à la Karaoke gegen Mitternacht einmal abgesehen, wartet die parallel zum Theatertreffen ausgerichtete Theaterwerkstatt "reich & berühmt" traditionsgemäß mit Konzepten auf, deren Tendenz man am ehesten aus den gemeinsamen theatralen Feindbildern heraus skizzieren kann.Die ins Podewil geladenen Off-Gruppen arbeiten am Abriß hierarchischer Strukturen.

Als da wären, erstens: die vierte Wand.Statt der romantisch glotzenden Zuschauer beschwören die "reich & berühmt"-Vertreter ein Publikum, das sich sozusagen mitten im Geschehen plazieren darf.Zweitens präsentiert das in diesem Jahr unter dem Motto "Liebe und Arbeit" stehende Festival Produktionen, die statt der Phantasie eines despotischen Inszenators vornehmlich den Ideen des gesamten Ensembles entspringen.Herauskommen dabei Mischformen aus Videoprojektionen, Sounds, Choreographien und Texten, die - drittens - nicht dogmatisch einen Sinn oder ganz und gar die berüchtigte Botschaft transportieren, sondern jedem Zuschauerkopf die Kreation seines eigenen Dramas überlassen.

Als die im öffentlichen Bewußtsein präsentesten Vertreter der Spezies dürften die exklusiv männlichen Performer von showcase beat le mot gelten, die in einem Beitrag über "postdramatisches Theater" in "Theater heute" jüngst als "vollauthentische Dilettanten" gefeiert wurden.In ihrer Produktion "Grand Slam" (siehe Tagesspiegel vom 5.Mai) lieferte die aus Gießen stammende Truppe auf einem originalbemessenen Center Court in der Parochialkirche neben witzigen Anti-Choreographien und Zitaten - etwa aus David Lynchs Film "Lost Highway" - auch eigene Textversatzstücke.Während dieses Match für die Sinnverliebten unter den Zuschauern, denen via Pressetext die Observation von "Denken live" nahegelegt wird, in schwer zugängliche Binnen-Ebenen driftet, führte der "freie Gebrauch des Eigenen" bei der Autorin und von Remsi Al Khalisi unterstützten Regisseurin Gesine Danckwart zu geradezu breitenwirksam identifikationstauglichem Material.

Ihr Projekt "Girlsnightout" ruft - unter gänzlichem Verzicht auf Multimedia, Musik und Larmoyanz - den gesammelten Projektionskatalog zum Stichwort "Weiblichkeit" auf.Gemeinsam mit den Performerinnen Natascha Bonnermann und Anne Rebekka Düsterhöft präsentiert Danckwart eine Art potentielles Potpourri aus nächtlichen Notanrufen ratloser Freundinnen, Werbeslogans und schizophrenen frauenzeitschriftlichen Lebensbewältigungsstrategien.Hinter der Ich-nehme-mir-was-ich-will-Phantasie und dem So-übersieht-mich-keiner-mehr-Ratgeber wird nach tatsächlichen weiblichen Befindlichkeiten geforscht, wobei Witz und Wiedererkennungseffekte über darstellerische Qualitätsschwankungen hinwegretten.Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Identitäts-Recherche in der vielzitierten Bilderflut widmet sich schließlich auch das innerhalb der Auftaktveranstaltungen ambitionierteste Projekt - "Es ist nicht wie du denkst".Basierend auf Lorrie Moores Roman "Anagrams" entwerfen die (merklich!) schaubühnenerprobten Darstellerinnen Caroline Peters und Bettina Scheuritzel gemeinsam mit dem Tänzer Jochen Roller in konsequent stilisierten Posen potentielle Biographien zwischen Soaps und anderen Klischees, wobei den Choreographien und Videoeinspielungen dabei nicht die unbefriedigende Funktion zukommt, von darstellerischen Defiziten ablenken zu müssen.

Das "reich & berühmt"-Festival im Podewil läuft noch bis zum 20.Mai.Heute und morgen sind dort die Uraufführungen der Stücke "boom-and-bust" von Peter Staatsmann und "Heidi Hoh" von René Pollesch zu sehen, jeweils 20 und 22 Uhr

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