Kultur : Denker und Dämonen

Jörg Königsdorf

lauscht einer geigerischen Tour de Force Mit seiner neuesten Einspielung hat Thomas Zehetmair seinen Ruf als Ausnahmekünstler erneut unter Beweis gestellt: Auf der bei ECM erschienenen CD stellt er sich Eugene Ysayes sechs Sonaten für Violine Solo, der geigerischen Tour de force schlechthin: Wie der 43-Jährige diese Meisterwerke zu unendlich vielfältigen Reflexionen über das Wesen der Geige macht, wie er kammermusikalischen Dialog mit sich selbst führt, die virtuose Pose ins aberwitzig Dämonische steigert, zurück zu Bach und Paganini blickt und dann wieder ganz neue Ausdrucksräume eröffnet, das schlägt alles aus dem Feld, was es bislang gegeben hat. Wer diese Sonaten so spielt, der kann wirklich alles spielen, mehr noch: dem kann man blind vertrauen, dass er aus jedem Werk der Violinliteratur eine ganz persönliche Interpretation destilliert.

Zehetmairs Gespür kommt ihm bei Bergs Violinkonzert zustatten – schließlich geht es bei dem meistgespielten Werk der zweiten Wiener Schule am wenigsten um Brillanz, sondern darum, die von Berg genutzte Schönheit des Geigentons in einen stringenten Zusammenhang einzubauen, die Bezüge, die anders als bei Ysaye kunstvoll chiffriert sind, zu entschlüsseln. Das gelingt leider nur selten, doch wenn es einer kann, dann Zehetmair, der das Werk heute Abend in der Philharmonie mit dem DSO und Kent Nagano spielt. Und vielleicht gibt es ja sogar ein wenig Ysaye als Zugabe.

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