Kultur : Denkfabrik statt Kaufhauskunst

Zwischen Anpassung und Aufklärung: Der Schwerpunkt des heute eröffnenden Art Forums ist Osteuropa

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Von Oliver Heilwagen

Die Kunstmesse Art Forum Berlin rückt in diesem Jahr die Kunst Osteuropas ins Rampenlicht. Zwar nahmen seit dem Auftakt 1996 stets einzelne Galerien aus diesem Raum an der Messe teil und im vergangenen Jahr begann eine Diskussionsreihe zu den dortigen Kunstszenen mit einer Debatte über Polen. Doch in der siebten Auflage macht das Art Forum die östlichen Nachbarländer zum Schwerpunkt: Die Beiträge im Katalog beschäftigen sich mit den Kunstmärkten in Polen, Tschechien, Russland und Ungarn. Dem Donaustaat ist auch ein Art Forum Berlin Talk gewidmet, der gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltet wird. Zudem präsentieren zwei Begleitausstellungen, die „Kunstexpeditionen“ im Sony Center am Potsdamer Platz und „September Horse“ im Künstlerhaus Bethanien, 18 osteuropäische Künstler mit eigens dafür geschaffenen Werken.

Dennoch hat sich die Zahl der Aussteller aus dieser Region nicht wesentlich erhöht: Kamen 2001 acht Galerien aus Osteuropa, sind es diesmal elf. Darunter sind alte Bekannte wie der tschechische Galerist Jiri Svestka, der seit den Anfängen der Messe dabei ist. Auch die Galerien Aidan aus Moskau, Knoll aus Budapest, Foksal aus Warschau und Skuc aus Ljubljana haben bereits wiederholt an dem Art Forum teilgenommen. Und die Newcomer setzen gern auf hier zu Lande eingeführte n: Die XL-Galerie aus Sankt Petersburg zeigt Oleg Kulik und Ludmila Gorlova, die auf der „After the Wall“-Schau vor zwei Jahren vertreten waren, sowie das Duo Vladimir Dubosarsky und Alexander Vinogradov. Ihre bonbonbunten Leinwände zwischen Pop und Soz Art zählten zu den Höhepunkten der „Dawaj!“-Ausstellung. Die aus der Moskauer Clubszene hervorgegangene Galerie OGI kommt mit Gor Chahal, der auch bei VP-Studio zu sehen ist und in Berlin gesammelt wird, sowie Alexander Brodsky, der im Frühjahr von Aedes East mit einer Installation in Form eines Mausoleums vorgestellt wurde. Ungarische Künstler wie Attila Csörgö bei Skuc oder Akos Birkas und Roza El-Hassan bei Knoll sah man in Berlin schon in „After the Wall“ oder der Ungarn-Ausstellung 1999 in der Akademie der Künste. Auch die von der Galerie Skuc vertretene Slowenin Marjetica Potrc, die vor zwei Jahren den von der Guggenheim Foundation vergebenen Hugo-Boss-Preis erhielt, wurde in Berlin vom Künstlerhaus Bethanien mehrfach vorgestellt, zuletzt im April in der Schau „Elvis has just left the building“. Zu den „Kunstexpeditionen“ im Sony Center hat sie einen bunt bemalten, auf einem Sockel in luftiger Höhe installierten Bauwagen beigetragen, der gestressten Büromenschen einen Rückzugsraum und „think tank“ bieten soll.

Die Konzentration auf einige Leitfiguren ist symptomatisch für die Lage auf den osteuropäischen Kunstmärkten: Nur wenige zeitgenössische Künstler haben es geschafft, auch im Westen bekannt zu werden. Ihre heimischen Kunstmärkte sind noch im Entstehen begriffen und meist auf alte Meister und klassische Moderne ausgerichtet; weniger als zehn Prozent des Gesamtumsatzes macht nach Schätzungen der Handel mit Gegenwartskunst aus. Wobei der Begriff weit gefasst ist: So wird auf drei von vier Moskauer Kunstmessen vorwiegend anspruchslose Kaufhauskunst vertrieben. Allein die Art Moscow darf von sich behaupten, avancierte Positionen vorzustellen.

Auf diesem kleinen Segment dominieren einzelne Käufer den Markt. Dabei handelt es sich oft um Institutionen wie neu entstandene Konzerne, die die aktuelle Kunstproduktion aus Prestigegründen sponsern, aber nicht am langfristigen Aufbau einer Kollektion interessiert sind. In dieser Situation leisten Galerien für Gegenwartskunst in Osteuropa Pionierarbeit: Sie müssen ihr Publikum erst heranbilden. Geld verdienen lässt sich mit diesen Vermittlungsdiensten kaum. Die meisten Galerien finanzieren sich anderweitig, mit dem Betrieb von Clubs und Restaurants, oder sie verlegen sich wie Foksal und Skuc auf nichtkommerzielle Aktivitäten.

Geldmangel ist nach Ansicht der Berliner Galeristin Paula Böttcher auch für die geringe Zahl an osteuropäischen Teilnehmern ausschlaggebend. „Die Messe erreicht nur die wenigen Galerien, die Standgebühren zwischen 5000 und 10000 Euro bezahlen können“, bemängelt die Osteuropa-Expertin, die alljährlich zur Art Moscow fährt. Auf dem Art Forum stellt sie gemeinsam mit Knoll und Priestor aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava aus. Dagegen konnten ihre Wunschpartner Escape aus Moskau und die N-Gallery aus dem georgischen Tiflis mangels Etats nicht anreisen.

Insofern habe sich die allmähliche Aufwärtsentwicklung etwa des russischen Kunstmarkts auf die Finanzkraft der Galerien, die sich um Zeitgenössisches bemühen, bisher kaum ausgewirkt, so Böttcher: „Die Nachfrage zieht langsam an, weil die meist neureichen Käufer gemerkt haben, dass sie ihre durchgestylten Wohnungen nicht mit Ikonen ausstaffieren können.“ Doch der vorherrschende Geschmack sei konservativ: Erworben würden vor allem gefällig-dekorative Arbeiten. Vor spröden Werken schrecke die Kundschaft weiterhin zurück, was auch die Produktion beeinflusse: „Früher konnte man auf der Art Moscow interessante Entdeckungen machen, aber es wurde kaum gekauft; heute ist es umgekehrt.“ Viele Künstler hätten sich zwar westliche Medien und Gesten angeeignet, doch bislang nicht vermocht, die importierten Formensprachen mit eigener Substanz zu füllen.

Ernüchterung macht sich breit

Ähnliches beobachtet der Österreicher Hans Knoll, der 1989 die erste private internationale Galerie Osteuropas in Budapest eröffnete: „Der Drang nach Westen hat abgenommen und eine gewisse Ernüchterung macht sich breit.“ Dazu gehöre die Rückbesinnung auf die lokale Kunstszene. Verglichen mit dem kleinen, aber internationaler ausgerichteten Moskauer Markt sei Ungarn noch sehr auf sich selbst fixiert. Dem kann Knoll auch positive Aspekte abgewinnen: „Um den heimischen Markt zu entwickeln, betreuen die Galerien jetzt ihre Künstler intensiver. Das ist unbedingt nötig, damit sie als Einzelpersönlichkeiten wahrgenommen werden. Bislang traten sie vorwiegend auf Gruppenausstellungen in Erscheinung und erzielten nur punktuelle Verkäufe.“

Auch in Ungarn behindere jedoch Kapitalknappheit die Marktentwicklung: „Wirklich seriöse Sammler kann man an zwei Händen abzählen. Und die Standgebühren auf dem Art Forum entsprechen dem Jahresbudget einer Galerie in Budapest.“ Daher wagt außer Knoll nur die Galerie Deak die Reise nach Berlin. Um künftig mehr Teilnehmer aus Osteuropa anzulocken, regt Böttcher an, die Veranstalter sollten den Galerien finanziell entgegenkommen. Bei der Messe Berlin stößt dieser Vorschlag indes auf wenig Gegenliebe. „Wir wollen nicht subventionieren, sondern Galerien präsentieren, die sich am Markt behaupten können“, erklärt Sprecher Peter Köppen. Nach dem Wegfall der Bankgesellschaft als Sponsor sei die Kalkulation des Art Forums noch schwieriger geworden. Allerdings denke man für die Zukunft über andere Formen der Unterstützung nach.

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