Kultur : Denn die im Dunkeln

Politisch engagiert: das Ethno-Filmfest in Berlin

Sarah Hofmann

Samirs Leidenschaft ist der Jazz. Jeden Abend sitzt er am Flügel in der Hotelbar. Die Gäste, allesamt Ausländer, rauchen. Ständig. Und nervös. Auch Samir hat eine Zigarette im Mundwinkel, doch das bemerkt er gar nicht. Zu vertieft ist er in seine Musik. Eine Musik, die in starkem Kontrast steht zu dem Hass und der Angst, die Samirs Stadt dominieren: Bagdad, neun Monate nach dem Sturz von Saddam Hussein.

Ein melancholisches Spiel, das auf seine Weise den Schmerz der Iraker erahnen lässt: In Augenblicken erinnert die Dokumentation „The Liberace of Baghdad“ des BBC-Reporters Sean McAllister an „Drei Farben Blau“ – daran, wie sich Juliette Binoche am Klavier ganz ihrer Trauer, Wut und Hilflosigkeit hingibt. Der Film wird beim 9. Ethno-Filmfest in Berlin gezeigt: Unter dem Motto „Im Rausch der Wirklichkeiten“ sind über 75 Dokumentationen, Spielfilme, Experimental- und Animationsfilme aus aller Welt zu sehen. Wobei der BBC-Film aus der Masse hervorsticht: immer wieder schmerzhaft die Direktheit, mit der er vom alltäglichen Kriegsleiden der Bewohner von Bagdad berichtet – im Wechsel mit den Atempausen, die Samirs Klavierspiel dem Zuschauer zugesteht.

Politisch zeigt sich das von Berliner Ethnologiestudenten organisierte Filmfest nicht nur, weil es sich gleich in mehreren Beiträgen dem Irak widmet. Auch mit seinen thematischen Schwerpunkten bezieht es pointiert Position. Mit dem Fokus Roma werden die von Filmemachern bislang wenig beobachteten Lebensverhältnisse dieser Minderheit in Osteuropa beleuchtet. Und mit dem Schwerpunkt Senegal geht es offen gegen die korrupten Verhältnissen im Land. In Berlin wird „Sista Fa“, die bekannteste weibliche Hip-Hop- Band Senegals, live von Aids und Arbeitslosigkeit rappen.

Der Senegal gilt – man denke nur an Ousmane Sembène, dessen „Faat Kiné“ das Filmfest zeigt – als das bedeutendste cineastische Land Westafrikas. Dem Regisseur Djibril Diop Mambety ist mit seiner „Trilogie der kleinen Leute“ eine Hommage gewidmet, außerdem ist Safi Fayes Spielfilm „Mossane“ (1996) zu sehen – Faye war 1974 die erste schwarzafrikanische Regisseurin überhaupt. Auch „L’appel des arènes“ von Cheikh Ndiaye, den die diesjährige Berlinale präsentierte, ist im Programm: Der 17-jährige Nalla wird in den traditionellen senegalesischen Zweikampf eingeführt. Dort treffen Amateure aus der Unterschicht auf erfahrene Sportler, die Unbeachteten gegen die Etablierten. Programmatisch für die Veranstaltung selbst: Das Filmfest will sich stark machen für alle, die sonst nicht gesehen werden.

Ethnologisches Museum Dahlem,bis

16. Juli. Details: www.ethnofilmfest.de

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