Kultur : Denn die Kunst sieht anders

RONALD BERG

Es ist komisch: Was man sieht und wie man sieht, fällt einem eigentlich erst dann auf, wenn man Bilder anguckt.Hier ist der Blick fixiert, die Perspektive vorgegeben und der Gegenstand der Anschauung bereits ausgewählt.Axel Hütte, Schüler der Becher-Schule in Düsseldorf, macht gerade die Differenz zwischen der Wahrnehmung des Alltags durch den Gesichtssinn und der Wahrnehmung des Alltäglichen durch die Fotokamera augen- und sinnfällig.Da gibt es in der Galerie Hetzler Aufnahmen, jede mit anderthalb mal zweieinhalb Metern riesengroß und mit bis zu 30 000 DM superteuer, die zeigen die Grenzen dessen, was sichtbar ist, und solche, die diese Grenzen erst bewußt machen.

Zur ersteren Erscheinung gehört etwa eine Nachtaufnahme aus Italien.Von Land und Leuten ist hier nichts zu sehen, ja, es ist überhaupt so gut wie nichts zu sehen außer jener Grenze, wo ein Bild anfängt und die Dunkelheit langsam verdrängt wird.Nichts als das leichte Dämmern über dem Horizont und wie zum Kontrast eine einzige in der Weite des Bildes klein anmutende Lampe oder Laterne irgendwo nahe bei einem Gehöft - durch die Schlitze der Kamerablende funkelnd wie ein zackiger Stern.

Eine andere Grenze des Sehens und der Abbildbarkeit liegt buchstäblich auf der Oberfläche.Hütte hat diese Grenze, diese Barriere als grüne Suppe fotografiert: Das stille Wasser des "Rio Negro" ist auf seinem Foto tatsächlich schwarz und für den Blick undurchdringlich.Da das Auge nichts mehr erkennt als das reine Schwarz des Wassers, wird es durch das helle Weiß des reflektierten Himmels geblendet.Nur auf der Grenze zwischen Wasser und Luft siedelt das satte Grün der Wasserpflanzen.Einzig an diese amorphe grüne Masse kann sich der Blick halten, und das wohl sonst so unscheinbare Kraut wird zum Sinnbild für die Eigenart der Blickerfahrung: Sie muß sich mit Oberflächlichkeiten begnügen.

Der Blick funktioniert ja nicht ohne Verstand.Was das Auge sieht, muß der Verstand erst begreifen.So kommt es, daß man auf dem Foto vom Berliner Lehrter Bahnhof vieles wahrnimmt, was man vor Ort noch nie bemerkt hat.Woran liegt das? Sicher am der veränderten Wahrnehmung des Objekts, also des Bahnhofs als Foto.Was Hütte im Stil äußerster Sachlichkeit aufgenommen hat, selektiert und projiziert den Bahnsteig zu einer nie gesehenen Erscheinung.

Hüttes mit der Wasserwaage ausbalancierte Plattenkamera blickt vom Bahnsteig durch die Glasfenster nach draußen auf die Baustelle des neuen Lehrter Bahnhofs.Aber hat man jemals bemerkt, daß hier auf dem Perron Flechten wachsen, wie sich die Proportionen der Fenstersprossen zueinander verhalten, wie das Holz am Sockel und am oberen Ende der Fensterwand den Ausblick rahmt und wie die gesprühte blaue Farblinie sich durch die Streben der Behelfsbrücke auf dem Fernbahngleis schlängelt? Es gibt eine Differenz zwischen der flüchtigen Alltagswahrnehmung und der bildnerischen Konstruktion in Hüttes Foto.Diese Differenz läßt sich weder leugnen noch aufheben oder umgehen.Die Fotografie kann zwar zeigen, wie der Blick funktioniert, aber sie zeigt damit zugleich, wie ihr Blick von der menschlichen Wahrnehmung differiert.

Jene "Brücke St.Marcel" etwa, die Hütte ebenfalls in Italien fotografiert hat, wird man nie so sehen wie auf dem Foto: die nietenbeschlagenen Streben in der Horizontalen exakt parallel vor dem grünen Wald, die diagonalen Eisenträger aufgefächert dazwischen.Daß man das im Alltag nicht sehen würde, liegt nicht allein daran, daß niemand auf die Idee käme, sich mittels eines Hubwagens dieser Perspektive zu versichern.Die Kunst sieht anders.Auch wenn sie auf Symbole oder Allegorien völlig verzichtet.Hütte zeigt auch diese Differenz der Kunst zum Leben.Sie ist zuerst eine der Wahrnehmung.

Galerie Max Hetzler, Zimmerstraße 89, bis 23.Januar; Dienstag bis Freitag 10-18, Sonnabend und Sonntag 11-18 Uhr.

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