Kultur : "Departure": Gibt es ein Leben nach der Saison?

Daniela Sannwald

Nein, ein Meisterwerk ist "Departure" nicht; auf dem letzten Berlinale-Forum ging er unter in der Masse asiatischer Filme, kaum wahrgenommen von Publikum oder Kritik. Ein Schicksal, das viele gute Filme teilen, die keine Meisterwerke sind. Zu Unrecht, wie "Departure" beweist, der nun, mit neugierigen, wachen Augen gesehen, so viel strahlender als in der Erinnerung daherkommt: als einfache, schöne und kluge Inszenierung des schon wegen seines Erstlings "Blue Fish" 1998 gefeierten Regisseurs Yosuke Nakagawa.

"Departure" erzählt von einer Nacht, der letzten, die drei Freunde miteinander erleben, auch wenn sie sich zwischendurch für kurze Zeit trennen. Sie haben die Schule hinter sich, und jetzt wollen Kazuya in Tokyo und Syusuke sogar in London studieren. Nur der schüchterne Masaru weiß noch nicht so recht. Auf Okinawa jedoch, wo absolut nichts los ist, halten sie es nicht länger aus. Einmal stehen die drei mitten auf der Fahrbahn und plaudern; es ist dunkel, nur die Schaufenster eines Ladens sind erleuchtet; kein Auto fährt, kein Passant läuft vorbei, nichts. Und dann gibt es eine riesige Normaluhr, grünlich glimmend und scheinbar ohne Befestigung über der Szene schwebend. Erinnert sie daran, dass den Jungen die Zeit davon läuft - die gemeinsame und die Lebenszeit? Bedrohlich-beharrlich scheint sie gar auf das Ende aller unschuldigen Inselnächte, der Jugend und der Illusionen zu verweisen. Immerhin gibt es, zumindest was Inseln und Illusionen betrifft, am Ende noch eine Überraschung.

Vorher aber muss Kazuya noch Schluss mit seiner Freundin machen, doch dann ist es umgekehrt. Syusuke glaubt, dass er eine Sängerin abgeschleppt hat. Und der verständnisvolle Masaru findet sich mit einer volltrunkenen Kundin aus der Bar, in der er arbeitet, im Hotelzimmer wieder. Alle drei Paare gleichzeitig in verschiedenen Hotelzimmern: Eine Parallelmontage zeigt die Peinlichkeiten, Unsicherheiten und Absurditäten, denen sie sich ausgesetzt haben. Wenn dann Syusuke zu beschwingter Musik auf seinem Motorroller über die leere Inselstraße brettert, wirkt das wie eine Befreiung, sogar noch, als ihn drei rührend-finstere Burschen für sein hemmungsloses Herumtechteln zur Verantwortung ziehen.

In "Departure" zeigt Yosuke Nakagawa buchstäblich die Schattenseiten des Insellebens, und man bekommt eine klare, aber unangenehme Antwort auf die Frage, die sich gelegentlich im Urlaub stellt: Gibt es ein Leben nach der Saison? "Alternative" ist in dicken Buchstaben auf Syusukes gelbes T-Shirt gedruckt wie ein Lebensmotto, das noch der Realisierung harrt. Und bei Kazuya steht "Libération". Seine Freundin, die Polizistin, regelt den nicht vorhandenen Verkehr. Nicht nur auf der Straße, sondern auch später, im Hotelzimmer. Noch später weint sie im Bus, der wie ein gläserner Käfig mit einer einzigen Insassin durch die Nacht schaukelt. Und der Busfahrer, ein alter Mann, sagt ihr das, was sie vielleicht von Kazuya gern gehört hätte. Aber da hat sie ihn schon fast vergessen.

"Departure" ist leicht, aber nicht belanglos; vergnügt, aber nicht albern, liebevoll, aber nicht sentimental. Ein kleines Kunstwerk unbedingt.

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