Kultur : Depeche Mode: Mein Plattenladen, dein Plattenladen

Daniel Haaksman

Die Lounge des Hyatt-Hotel in Hamburg. Martin Gore, Songschreiber von Depeche Mode, und der Wiener Produzent und DJ Richard Dorfmeister sitzen einander in weißen Sesseln gegenüber. "Very nice to see you again, Richard", freut sich Gore. Gemeinsam mit seinen zwei Bandkollegen ist Martin Gore in Hamburg, um Interviews für das neue Depeche Mode-Album "Exciter" zu geben. Die erste Single, "Dream On", schoss bereits vor Wochen auf Platz 1 der deutschen Hitparade. Für eine Band wie Depeche Mode, die seit über 20 Jahren im Geschäft ist und bis heute weltweit über 50 Millionen Tonträger verkauft hat, ist eine Top-Position nichts Ungewöhnliches. Doch der letzte Spitzenplatz in den Charts - das ist lange her.

Richard Dorfmeister hat am Abend zuvor in einem Club in Hamburg Platten aufgelegt. Er ist müde. "Wo hast Du gespielt, Richard?", möchte Martin Gore wissen, "Im Mojo-Club", erwidert Dorfmeister. Die beiden kennen sich schon einige Jahre, zuletzt hatte Dorfmeister für den Song "Useless" eine Remix-Version zusammengebastelt.

Goldkette und Wildleder

Gore ist heute Ende dreißig, aber seit den Fotos, die man von ihm und seiner Band in den 80er Jahren machte, hat er sich kaum verändert. Blondierte Locken, schwarze Schnürstiefel, eine schwarze Lederhose, ein grauer Pullover mit V-Ausschnitt, eine Goldkette, und dazu ein ziemlich teuer aussehender Mantel, der aus zahlreichen Wildleder-Flicken genäht ist: die Edel-Version eines dieser typischen Achtziger-Jahre-Musiker-Outfits. Dorfmeister trägt dunkle, weit geschnittene Jeans, dazu Turnschuhe und Sweatshirt.

Mit 33 Jahren ist er nur ein paar Jahre jünger als Gore, dennoch treffen hier die Vertreter zweier Musikergenerationen aufeinander. Gore schreibt Songs, nimmt in Studios auf, in denen die Tagesmiete mehrere Tausend Dollar beträgt, wird von Bodyguards eskortiert, wohnt im kalifornischen Santa Monica und ist seit Jahren damit beschäftigt, entweder ein Album aufzunehmen oder auf Tournee zu sein. Dorfmeister produziert atmosphärische, instrumentale Dance-Tracks, hat in seinem Wiener Wohnzimmer ein kleines Studio, veröffentlicht auf seinem eigenen Plattenlabel, reist je nach Lust und Laune mit Plattenkoffer durch die Weltgeschichte und wohnt seit Jahren in der gleichen Altbauwohnung. Gore und Dorfmeister: Das sind die 80er und die 90er Jahre.

"Martin, wo kaufst du eigentlich deine Platten?", fragt Dorfmeister. "Wenn ich in London bin, gehe ich oft zu Rough Trade", erzählt Gore, dessen musikalischer Hintergrund von Rock, Punk und elektronischer Avantgarde geprägt ist. Der Wiener schmunzelt. Dorfmeister, dessen Arbeit mehr von Dub-Reggae, Jazz und HipHop beeinflusst ist, verschlägt es eher zu Atlantic Records in Soho. Im Grunde findet hier ein Gespräch zwischen zwei gewöhnlichen Musikliebhabern statt: über aktuelle Alben und Musikvideos, bis sich irgendwann alles um Remixe dreht. Für die Singles von "Exciter" wurden Pole, Thomas Brinkmann, Dave Clarke und The Neptunes um eine Neuinterpretation gebeten - Produzenten, deren Sounds auf der Höhe der Zeit sind. Wie bei Remixen üblich, sollen Depeche Mode damit in neue Kontexte überführt werden.

Stil und Mischung

"Im Grunde genommen", so Gore, "hat sich die Art, wie wir unsere Songs schreiben, in den letzten Jahren kaum verändert. Um uns herum sind zahlreiche neue Musikstile entstanden, die wir interessant finden, jedoch nicht unmittelbar in unsere Alben integrieren möchten. Dafür arbeiten wir auf den Singles mit Remixern zusammen, die das für uns übernehmen."

Für ihr neues Album arbeitete die Band außerdem mit Mark Bell zusammen, der in den frühen neunziger Jahren mit dem Projekt LFO Techno-Geschichte schrieb. "Eine gute Entscheidung", meint Dorfmeister, "schon bei der letzten Björk-LP hat Bell gute Arbeit geleistet". "Exciter" dürfte dank Mark Bell eines der modernsten Depeche Mode-Alben geworden sein. "Ich bin sehr zufrieden damit", sagt Gore. Als er beginnt, von seiner Arbeit mit Bell zu erzählen, unterbricht ihn eine Angestellte seines Plattenlabels Mute. Die Interviewzeit sei vorbei, man ginge jetzt essen. Martin Gore entschuldigt sich, verabschiedet sich von Richard Dorfmeister und bittet ihn, ihm doch häufiger ein paar Platten zu schicken. "Bei mir in Santa Monica gibt es keine guten Plattenläden."

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