• Der 10. Jahrestag des Mauerfalls hat in Berlin ein vielfältiges musikalisches Echo gefunden

Kultur : Der 10. Jahrestag des Mauerfalls hat in Berlin ein vielfältiges musikalisches Echo gefunden

Carsten Niemann

Der eine mag es begrüßen, der andere mag es verfluchen: der Jahrestag des Mauerfalls ist zu einem Datum geworden, an dem kein Kulturveranstalter vorübergehen kann. Wie aber feiert man als Anbieter "klassischer" Musik einen Tag, an dem seinerzeit vor allem die Melodie "So ein Tag, so wunderschön wie heute" aus nicht nur freudetrunkenen Kehlen klang?

Am entspanntesten nähert man sich dem Ereignis bei den Kirchen. Schon vor der Wende glichen sich die Gemeinden und Kirchenchöre in Ost und West. Und wenn in der Gethsemanegemeinde zum 9. November die Berliner Kantorei und der Berliner Mädchenchor von der Grunewaldkirche Wilmersdorf unter Günter Brick musizierte, dann setzte man damit lediglich eine Reihe gelungener Konzerte bei den Brüdern und Schwestern am Prenzlauer Berg fort. Das Gedenken an das, was war, stand über dem Jubel über die Einheit: Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" erinnerte an den 9. November 1938, Zoltßn Kodßlys "Psalmus Hungaricus" stand für gedrückte Situation in einem Überwachungsstaat und nur Arvo Pärts Berliner Messe (komponiert zum Katholikentag 1990) rief Erinnerungen an den Einigungstrubel hervor. Keine leichte Kost also, deren Darbietung auch ein wenig unter der mangelnden Sauberkeit und Finesse des begleitenden Filmorchesters Babelsberg litt; erst in Kodalys symphonisch angelegten Psalm gelangten Chor und Orchester zu einen runden Klang und spannungsgeladenem Musizieren.

Kein Staatsakt in der Staatsoper Unter den Linden, doch beinahe: Am 9. November kann das Haus immerhin Hans-Dietrich Genscher zum feierlichen Einheitskonzert begrüßen. Dessen Grußwort gibt es für 3 DM als Programmheft zu kaufen - so etwas hat es früher schon einmal wohlfeiler gegeben. Doch darf man derart krämerische Gedanken haben, wo doch die Staatskapelle mit erlesenen Solisten unter der Leitung von Daniel Barenboim die neunte Symphonie von Beethoven auf den Pulten liegen hat? Vielleicht nicht. Man hört zu, verzeiht Ungenauigkeiten und klatscht sich nach dem Finale in Begeisterung. Das Gefühl bleibt: Barenboim ist nicht Bernstein, die Euphorie vor zehn Jahren war eine andere.

Vielleicht muss man einen Mauerfall nach zehn Jahren ja auch ganz anders begehen und statt der damals gespielten Werke tunlichst etwas ganz Neues komponieren. Das jedenfalls hat man sich beim MDR gedacht und bei dem Leipziger Komponisten Friedrich Schenker ein Werk zu dem Anlass bestellt. Zwei Tage nach der Uraufführung war es nun im Schauspielhaus zum ersten Mal in Berlin zu hören. "Goldberg-Passion" hat der Komponist sein groß angelegtes und opulent besetztes oratorisches Werk benannt; in entsprechend großer Besetzung waren dafür Sinfonieorchester sowie Chor und Kinderchor des Mitteldeutschen Rundfunks nebst vier Solisten angereist.

Mit dem Mauerfall hat das Stück jedoch rein gar nichts zu tun; eher schon mit dem 9. November, denn es schildert nach dem Muster einer traditionellen Passion die Leidensgeschichte zweier polnischer Juden, die dem Holocaust nur knapp entrannen und bei einer Familie Bach im Sächsischen bis zum Kriegsende aufgenommen wurden. Die Partitur enthält zahlreiche Zitate aus den Goldberg-Varationen von Johann Sebastian Bach, daher der etwas irreführende Titel "Goldberg-Passion". Unbehaglich fragt sich der Rezensent: Wenn Titel, Text und Besetzung derart gewichtig und bedeutungsschwanger daherkommen, kann eine Komposition dem gerecht werden? Der Beginn der Passion gibt den Befürchtungen recht: Das Stück beginnt mit einem Schrei - von würdig gekleideten Chorsängern nach dem Taktschlag des Dirigenten effektvoll dargeboten. Das Grauen der Todesmärsche lässt sich so wohl kaum vermitteln. Wäre Schenker nicht ein brillanter Instrumentator und geschickter Collagist, dann hätte die Aufführung gar zu einem ärgerlichen Ereignis werden können. So heißt es zweigleisig hören: Der Text (von Karl Mickel zusammengestellt, erweitert und bearbeitet) bewegt; die Musik hingegen hält mit ihren raffinierten Klangeffekten, ihrem dichten Geflecht kurzer atonaler Melodiebögen und ihren rhythmischen Steigerungen nur rein musikalisches Interesse wach - was wiederum zu einem großen Teil dem hervorragend aufgelegten MDR-Sinfonieorchesters zu verdanken war.

Dass nicht nur Bedeutungsschwangeres an dem Gedenktag zu hören war, dafür sorgte das Veranstaltungsteam der sophiensaele mit einem Abend im Rahmen der Reihe "Musikmissbrauch!" Als Veranstaltungsort hatte man sich mit einem maroden,aber stuckbeladenen Saal in der Staatsbank der DDR einen der wenigen Refugien purer Ostalgie in Mitte ausgesucht. Lieblingsmusiken von Honecker und Kohl und die DDR-Hymne standen unter anderem auf dem bunten Programm, das mit satirischen Kommentaren, Zitaten aus peinlichen Grußworten und kabarettistischen Einlagen trockensten Humors von Holger Friedrich angereichert war. Helmut Kohls Lieblingsmusik - ein barockes Trompetenkonzert - hätte womöglich gerührt, wäre es ein wenig besser gespielt worden. Der Auftritt des Schalmeienexpress Berlin wirkte dagegen musikalisch überzeugender, auch wenn eine gewisse Unsicherheit darüber, wie ernst man diesen Auftritt nehmen sollte, nicht von den Gesichtern der Mitwirkenden zu weichen schien. Doch damit war vielleicht der Geist des unmöglichen Jubiläums 9. November am besten getroffen: man weiss nicht, ob man lachen oder weinen, sich freuen oder betroffen sein soll. Und wenn Christian von Borries aus einem Brief an Honecker ins Gefängnis zitierte, in dem ein Zeitgenosse am Untergang der DDR besonders bedauerte, dass die "Stimme der DDR" nie wieder so schöne Musiken wie "Ein Augenblick der Ewigkeit" spielen würde und Holger Friedrich den schaurig-schönen Schlager auf einem grellen Plaste-Plattenspieler abspielte, dann konnte man selbst an diesem Tag der Rührung für die unverbesserlichsten Wendegegner nicht erwehren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben