Kultur : Der 83-jährige Maler und Ehrenbürger Potsdams hatte das Wappen der Stadt entworfen

Thorsten Metzner

Es ist noch gar nicht so lange her, da erzählte der Potsdamer Künstler Werner Nerlich engen Freunden diese Episode: Als er vor einigen Monaten wegen eines Schlaganfalls in die Notaufnahme des hiesigen Klinikums eingeliefert wurde, zwang sich der 83-jährige, pausenlos seine Hände und seine Finger zu bewegen. Die ganze Nacht hindurch, "nur nicht einschlafen!" Aus panischer Angst, nicht weitermalen zu können. Zur Verblüffung der Ärzte konnte sich Nerlich danach wirklich wieder an seine Staffelei stellen. Aber nun ist der freundliche, lebensfrohe Mann verstorben. Schon vor zwei Wochen, öffentlich eher am Rande registriert, obwohl Nerlich seit 1970 immerhin Ehrenbürger Potsdams ist.

Und es auch nach der politischen Wende blieb. Denn er hat wie kaum ein anderer Künstler in den letzten Jahrzehnten seine Spuren im Stadtbild hinterlassen, spannend, widersprüchlich. Freilich, es sind vorwiegend sozialistisch-realistische Wandbilder wie im Alten Rathaus oder im Bauministerium, es sind Metallreliefs wie an der Potsdamer Schwimmhalle, die vom damals blinden Glauben an Fortschritt, Technik, Sozialismus künden. Dass nicht alle Werke heutigen Ansprüchen gerecht werden, wusste Nerlich, der sein größter Kritiker blieb, selbst am besten.

Weniger bekannt ist, dass es auch einen anderen Nerlich gab: Den, der das bis heute verwendete Stadtwappen der früheren Preußenresidenz entwarf. Den langjährigen Chef der Fachschule für Werbung und Gestaltung, der 1973 unter dubiosen Umständen von den DDR-Oberen fristlos entlassen wurde und seitdem freischaffend tätig war.

Und nicht zuletzt den überzeugten Sozialisten Nerlich, der ein Kunstwerk von Weltrang rettete: Über drei Jahrzehnte hatte Nerlich mit seiner Frau ein vorher marodes einstöckiges Gartenhaus in Potsdam-Bornim originalgetreu rekonstruiert, dass 1934 kein Geringerer als der Baumeister Hans Scharoun für seinen Freund Hermann Mattern, einen Gartenkünstler, errichtet hatte. Die Attraktion in diesem geschwungenen Gebäude im Bauhausstil, das Ziel vieler Architekturpilger aus aller Welt ist: Ein heute unbezahlbares Wandbild mit dem Titel "Körper, Seele, Geist", das 1937 der deutsche Künstler Oskar Schlemmer (1888 bis 1943) malte. Nerlich ließ es noch zu DDR-Zeiten aus eigenen Mitteln restaurieren.

Weniger bekannt ist aber auch, dass er sich schon in den 80er Jahren, vor dem Ende der DDR, zunehmend vom "sozialistischen Realismus" löste, stattdessen Landschaften auf Rügen oder in Italien, sowie Blumen malte. Er hat dabei neue Farben und Formen ausprobiert, seine Energien in Aquarellen entladen, die, wie eine Zeitung treffend schrieb, "in ihren Farben überschäumen wie Vulkane." Nerlich malte besessen - bis zuletzt, wo er sein Publikum, seine Sammler, vor allem im Westen fand.Seine letzte von ihm selbst arrangierte Ausstellung ist noch bis zum 15. Oktober im Holländischen Viertel, in der Galerie Mittelstraße 22, zu sehen.

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