Kultur : Der 86. Geburtstag - Feier zu Ehren des Hausautors George Tabori

G. G.

Kopf an Kopf mit der Brecht-Büste auf dem Vorplatz des Theaters: Das Berliner Ensemble eröffnet die Matinee für George Tabori mit einer launigen Fotosequenz aus dem Leben seines neuen, alten Hausautors. Es gilt, an diesem Sonntagvormittag den 86. Geburtstag zu feiern - nachzufeiern, denn geboren ist Tabori bereits an einem 24. Mai, 1914 in Budapest, immerhin als Sonntagskind. Er behauptet, sich ganz genau daran zu erinnern, was er damals, kaum aus dem Mutterschoß geschlüpft, alles erlebt hat: "Damenwahl" heißt dieses Kapitel aus seinen Memoiren "Autodafé", in ironisch-genüsslichem Ton vorgetragen von Manfred Karge. Es macht die Fans Taboris im proppevollen Probensaal des BE nicht zuletzt mit der ersten Geliebten des liebenswürdigen Meisters bekannt, seinem Kindermädchen, einer gewissen Alma, die ihn schon im zarten Alter von acht Jahren beglückt hat.

"Autodafé" ist noch unveröffentlicht und somit bestens geeignet, das Potpourri aus Lesung und Liedgesang, aus Filmausschnitt (Michael Verhoevens "Mutters Courage") und Vortrag (Anat Feinberg, "Über das Theater des George Tabori") beziehungsvoll einzurahmen. Nach dem Dramaturgen Hermann Beil, der eine Anekdote erzählt, wie die Bochumer Polizei einmal den Dichter als vermeintlichen Penner fast in Gewahrsam genommen und damit sein Ideal einer "Vermischung von Leben und Kunst" beinahe verwirklicht hätte, nach den mit Feuereifer rezitierenden Schauspielern und dem mit Löwenpranke pianierenden Stanley Walden ist Karge an seinem Lesepult am Ende wieder dran: "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" nennt Tabori seine alptraumhafte Erinnerung an einen Besuch in Auschwitz bei seinem Vater, der dort im Gas umgekommen ist. Reale Erfahrung und visionäre Erschütterung lassen den Sohn in seinem "Autodafé" zu der Erkenntnis gelangen: "Mahnmale sind für die Lebenden - die Toten kümmern sie nicht."

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