Kultur : Der Abschöpfer

AUSSER KONKURRENZ „Capote“ – das faszinierende Porträt des ersten Popstars der US-Literatur

Jan Schulz-Ojala

Von deutschfilmfreundlicher Seite geht heute vorweg ein Dank nach Kanada. Bennett Millers Biopic „Capote“ lief im Herbst schon in Toronto, und weil Toronto ein sogenanntes A-Festival ist und Filme, die bereits auf A-Festivals gelaufen sind, nicht im Wettbewerb des A-Festivals Berlinale laufen dürfen, läuft Capote zwar auf der Berlinale, aber außer Konkurrenz. Für die deutschen – und nebenbei auch die internationalen – Wettbewerbsfilme ist das besonders schön. Denn „Capote“, träte er im Wettbewerb an, würde den Goldenen Bären mal eben so mitnehmen, wie es seine Art ist: elegant, cool – und wohl auch ein bisschen zynisch.

Die informationelle Bugwelle, die dieser Film vor sich hertreibt, ist enorm. Fünf Oscar-Nominierungen, bereits ein Golden Globe für den fantastischen Philip Seymour Hoffman in der Rolle des Truman Capote: Und dabei ist dieser filmische Blick in die Lebenskrise des ersten Dandys der US-Literatur kein Hollywood-Supertanker, der mal eben alles andere verdrängt, sondern ein kleiner, schneller Aufklärer. Oder ein Eisbrecher, um es ziviler zu sagen. Mit einer Kraft, die sich nicht aus der raumgreifenden Wucht des Vorhabens speist, sondern allein aus der phänomenalen Konzentration aller Beteiligten. In diesem Film stimmt jede Note, sogar – und das ist selten bei einer US-Major-Produktion – die Musik.

Truman Capote, gehätschelter Wunderjunge des Literaturbetriebs und oberster New Yorker Cocktailpartylöwe seit „Frühstück für Tiffany“, ist 35, als er sich an sein größtes literarisches Projekt macht. „Kaltblütig“, der Rechercheroman um den Mord an einer vierköpfigen Farmerfamilie 1959 in Kansas, soll als erste non-fiction novel ein neues Genre in der Literaturgeschichte begründen. Capotes Prinzip: nichts erfinden, sondern Dokumente und mit dem eigenen Superhirn gespeicherte Zeugenaussagen und Tätergespräche zu einem Roman kompilieren, der nichts als Wirklichkeit enthält. Aber die Wirklichkeit ist eine gefährliche Droge: Sie liefert ihr Material nicht prompt nach dem jeweiligen Bedarf der Widerspiegelungsindustrie.

So hängt Capote, der nach dem Mord an der Familie ganze sechs Jahre auf die Hinrichtung der beiden Täter Perry Smith und Dick Hickock warten muss, bald an der Nadel der Ereignisse. Zu lange für einen eitlen Erfolgsmenschen: Die „Goldmine“, als die Capote seinen Fall erst betrachtete, erweist sich als Teufelszeug, das seinen (Ab-)Schöpfer kreativ und moralisch aushöhlt.

Capote, der den Todeskandidaten zunächst gute Anwälte vermittelt, um in aller Ruhe ein Maximum an fremdem Lebensmaterial herauszuholen, lässt, als die Geschichte für ihn fast rund ist, deren Lieferanten kalt im Stich. Fehlt schließlich nur noch die Hinrichtungsszene. Als die – Jahre später – im Kasten ist, ist auch Capote kaputt: ein Alkoholwrack, dass zwar immer wieder mit Klatschromanfragmenten Schlagzeilen macht, aber bis zu seinem Tod 1984 literarisch nichts mehr richtig auf die Reihe bringt.

Diese Biografie, aus der auch Journalisten viel über ihren durchinstrumentalisierten Wahrnehmungsapparat lernen können, setzt der Film in ihrer dramatischen Umschlagphase spannend, dynamisch und unaufwendig tiefgründig in Szene. Philip Seymour Hoffman hat sich dafür nicht nur die legendäre näselnd drängende Fistelstimme dieses literarischen Popstars der fünfziger und sechziger Jahre antrainiert; er verkörpert auch dessen Zynismus, Selbstmitleid, zunehmende Egomanie und Vereinsamung mit entspannter Meisterschaft. „Es gibt nur den one and only Truman Capote“, lobte das Original sich selbst. „Es gab niemanden wie mich vor mir, und es wird niemanden wie mich geben, wenn ich einst dahingegangen bin.“ Nun, die Fälschung namens Philip Seymour Hoffman müsste selbst Truman Capote gefallen.

Fast möchte man sagen: Einer wie Seymour Hoffman – und das wissen wir seit „Happiness“, seit „Almost Famous“, seit „Magnolia“, seit „Owning Mahowney“ – trägt jeden Film zur Not allein. Aber zu Bennett Millers „Capote“ gehören auch großartig präzis besetzte Nebenfiguren, die den Charakter des schillernden Helden zusätzlich ausleuchten. Catherine Keener spielt mit geduldiger und sanfter Ironie und unmerklich wachsender Entfernung Capotes Jugendfreundin Harper Lee, für deren Erfolg als Schriftstellerin („Wen die Nachtigall stört“) der EgoFreak Capote sich nicht die Bohne interessiert. Chris Cooper als Ermittlungsbeamter am Ort, der die Wut über die Morde in sich runterhält; Bob Balahan als nur vorsichtig fordernder Verleger des „New Yorker“; Clifton Collins und Mark Pellegrino als die Mörder: All die Randfiguren dieser schillernden Biografie sind erhellende Zeugen und Opfer einer großen Fintenschlägerei, die in den künstlerischen und menschlichen Zusammenbruch namens Capote mündete.

Mit anderen Worten: ein Muss. Am schönsten noch auf der Berlinale. Sonst in zwei Wochen im Kino.

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