Kultur : Der ächte Blick

KATRIN BETTINA MÜLLER

Bevor sich die Wissenschaft der Kunstgeschichte bemächtigte, erklärten Kenner und Dichter den Bildern ihre Liebe."Fesselt sie nur des Beschauenden Blick, dann ist sie die ächte", entschied der Dichter Karl August Böttiger 1837 im Katalog der Sammlung von Maximilian Speck von Sternburg angesichts eines Porträts der Vizekönigin von Neapel nach Raffael.Noch galt die Frage nach Original, Kopie oder Werkstattarbeit nicht als ultima ratio der Kunstwissenschaft, doch um den Namen berühmter Meister ging es schon.Solange die Dame, die man irrtümlich mit "Johanna von Aragon" identifizierte, als echter "Raffael" galt, hielt man sie für eines der wichtigsten Bilder der Sammlung Speck: Deshalb wanderte sie 1946, nach der Enteignung der Familie, zunächst nicht mit ins Museum sondern in das Büro des Leipziger Oberbürgermeisters.

Inzwischen haben die Historiker in akribischer Detektivarbeit aufgedeckt, daß es sich um eine Kopie nach Giulio Romano, einem Mitarbeiter der Werkstatt Raffaels, handelt und auch im Original höchstens das Gesicht der Dame von der Hand des Meisters selbst stammt.So erzählen die zwei Seiten Text, die dem Bild im jüngsten Katalog der Sammlung Speck gewidmet sind, die Geschichte von Herkunftsnachweisen, Zweifeln und von wechselnden Bewertungen.Jeder Satz vergrößert den Abstand zu der 400 Jahre alten Dame, deren Körper von einer kaum zu glaubenden Fülle goldgefütterten roten Samts verschluckt wird.

Der Qualität der Sammlung schaden die wechselnden Zuschreibungen indes nicht.Eine falsche Datierung und ein hineingepfuschtes Dürer-Monogramm ließen Speck von Sternburg ein wunderbarers niederländisches Kreuzigungs-Triptychon erwerben.Die Anerkennung der Kunst des Mittelalters begann erst: Für eine kleine "Heimsuchung" von Rogier van der Weyden, die heute zu den berühmtesten Werken der Sammlung zählt, mußte der Leipziger Kaufmann längst nicht so viel investieren wie für den süßlichen Guildo Reni.Einen Cima, der Ende des 15.Jahrhunderts zu den vielbeschäftigsten Malern Venedigs gehört hatte, dann aber vom Ruhme Bellinis überholt wurde, erwarb Speck unter einer Signatur Bellinis.Die Altartafeln eines Kölner Meisters gelangten nur durch Zufall in die Sammlung, mit der Ausstattung eines erworbenen Gutshofes.

Die neue wissenschaftliche Bearbeitung des Bestandes gehört zum Konzept einer 1996 gegründeten Sternburg Stiftung.1989 wurde die Sammlung, die 1946 durch Enteignung ins Leipziger Museum gekommen war, zunächst den Erben zurückgegeben; die Gründung der Stiftung sicherte ihren dauerhaften Verbleib im Museum.Voraussetzung war der Erwerb zweier Bilder durch die Landesmuseen.Das Leipziger Haus beginnt das Sammlungsprofil nachzuzeichnen, indem es nun in einer ersten Ausstellung hundert Werke des 15.bis 18.Jahrhunderts versammelt, die anschließend im Haus der Kunst in München gezeigt werden sollen.Eine spätere Ausstellung will sich mit Specks Zuwendung zu den zeitgenössischen Künstlern beschäftigen: Das verspricht spannend zu werden, hat er doch viele Werke direkt aus den Ateliers erworben.

Der Name des Wollhändlers und Großkaufmanns ist in Leipzig schon durch "Specks Hof", eines der historischen Handelshäuser, im Gedächtnis geblieben.Seine Biographie beeindruckt: Vom Handelsgehilfen, der im Selbststudium Fremdsprachen lernte, stieg er an die Spitze der Leipziger Patrizier auf.Seinen Bildungshunger und sein humanistisches Engagement belegen nicht nur Bibliothek und Kunstsammlung, die ab 1834 auf seinem Landgut öffentlich zugänglich war, sondern auch die Mitgliedschaft in achtzig Vereinen, Stiftungen und Akademien.Sozial- und bildungsreformerisch ambitioniert gründete er landwirtschaftliche Mustergüter und Kinderbewahranstalten.So hat er seine geschäftlich notwendigen Reisen nicht nur für den Aufbau der eigenen Kunstsammlung ab 1807 genutzt, sondern auch um in England und Frankreich Methoden der Rationalisierung von Handel und Produktion zu studieren.

In Leipzig gehörte er zwar 1837 zu den Gründern des Kunstvereins, die sich den Aufbau eines städtischen Museums zum Ziel gesetzt hatten.Seine eigene Sammlung sollte laut Testament jedoch erst in städtischen Besitz gehen, wenn es keine Nachfahren der Familie mehr gäbe.In dem von bürgerlichen Schenkungen und Vermächtnissen geprägten Bestand des Museums ermöglicht die Specksche Sammlung heute die Interessen der Gründergeneration nachzuzeichnen.

Nicht nur das Herz des Kaufmanns, der sein Leben oft dem Meer anvertrauen mußte, mag bei den Seestücken des 17.Jahrhunderts höher geschlagen haben.Sehr gefährlich umtosen die Wogen das offene Boot der Heiligen Walburga, die Rubens inmitten des Sturms die Arme zum letzten Licht des Himmels hochreißen ließ (1610).Unter der oft noch christlich und mythologisch geprägten Ikonografie des Barock fallen besonders jene Bilder ins Auge, die einem bürgerlichen Verlangen nach einem Spiegel in der Geschichte entsprechen.Dazu gehört Valentin de Boulognes "Musizierende Gesellschaft" (um 1624), in der Kinder, eine Sängerin, junge und alte Männer über ihren sozialen Status und familiäre Hierarchien hinweg als Gemeinschaft dargestellt sind: Die Musik löst die Grenzen auf.Ähnlich schweißt ein Tricktrack-Spiel die Bauern in einem Bild des flämischen Malers Adrian Brouwer zusammen.

Der Mut, den Rahmen der Genregrenzen zu überschreiten, hat der Speckschen Sammlung einige sehr ungewöhnliche Bilder gebracht.Die "Alte Frau im Fenster" von Bartholomeus van der Helst wirkt wie die Vorwegnahme einer Fotomontage: Das liegt am Licht, das die Falten der Alten erbarmungslos von vorne ausleuchtet, obwohl sie von einer durchsonnten Landschaft hinterfangen wird.Über die Intention des Bildinhalts herrscht ebenso Unklarheit wie bei einem Selbstbildnis von Jan van Wijckersloot (1669), das voller Rätsel steckt: Ein Bild im Bild zeigt einen rotmützigen Maler, der ein rotmütziges Schaf malt, und ein schmaler Papierstreifen, auf dem Auge, Mund und Hände gezeichnet sind, umwindet eine Kerze und eine Brille.Vielleicht ein Hinweis auf die Irrtümer der Kunst und Zweifel an der Erkenntnisfähigkeit der Sehenden.Ein Ausschnitt dieses Bildes war auf der Einladungskarte womöglich als Mahnung gemeint, das wir trotz 500seitiger Kataloge die Bilder der Vergangenheit noch immer nicht zu entschlüsseln vermögen.

Museum der Bildenden Künste Leipzig, bis 13.September.Katalog 49 DM

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