Kultur : Der afrikanische Freund

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Von Daniela Sannwald

„Setz deinen Arsch in Bewegung, du Affe, und lass mich hier nicht noch länger warten", brüllt der wohlhabende Kunde den Automechaniker an, der an dessen schickem Wagen herumfummelt und die Schimpftirade über sich ergehen lässt. Die Werkstatt ist in Harlem, New York, und die beiden Männer sind schwarz: der Kunde Afroamerikaner, wortgewandt und selbstsicher; der Mechaniker vielleicht ein illegal eingewanderter Afrikaner, schüchtern und stumm.

Der französisch-algerische Regisseur Rachid Bouchareb erzählt in seinem im Wettbewerb der Berlinale 2001 erstmals präsentierten Film von den sozialen Unterschieden innerhalb des Ghettos Harlem – und das besteht eben nicht aus lauter gemeinsam gegen das weiße Establishment rappenden brothers und sisters, sondern hat sich in kleine, voneinander abgegrenzte Untereinheiten aufgespalten.

Für den senegalesischen Historiker Alloune (Sotigui Kouyate), der sich mit der Geschichte der Sklaverei befasst und auf der Suche nach Verwandten in die USA reist, sind die sorgfältig gewahrten Ressentiments unverständlich – schließlich stammen sie alle von Sklaven ab, die früher oder später aus Afrika eingeschifft wurden. Vergnügt und unbefangen nistet sich der alte Herr bei seinem Neffen ein und setzt seine Recherche fort, die ihn auf dem Umweg über die Südstaaten nach New York geführt hat. Er findet schließlich Ida (Sharon Hope), eine entfernte Cousine. Da sie gerade eine Aushilfe für ihren Kiosk sucht, stellt sie Alloune ein – dabei hält sie eigentlich nichts von Afrikanern, erklärt sie ihrem verdutzten Besucher sogleich. Und, wie das Kino es so will, plötzlich ist Alloune nicht nur Zeitungsverkäufer, sondern auch noch verliebt.

Abseits vom Ethno-Schick

Liebe und Culture clash in allen Variationen, die in der community vorkommen – das sind die Themen dieser leisen, freundlichen Komödie, die einmal nicht auf politische Korrektheit oder Ethno-Schick setzt. Erstens ist das Hauptliebespaar bereits in den Sechzigern, und auch die übrigen Protagonisten sind weder Gangstas noch Rapper. Und nebenbei bekommt man auch noch ein wenig Geschichtsunterricht.

Der Film begleitet Alloune auf seiner Reise, die im Senegal beginnt und endet. Der Blick durch eine Tür – durch diesen Spalt schaut die Kamera in der ersten und in der letzten Einstellung des Films – zeigt die einzige schmale Öffnung in einem fensterlosen Raum und führt zugleich aufs Meer hinaus. „Tür ohne Wiederkehr“ wurde sie von den Sklaven genannt, die durch sie hindurch getrieben wurden; sie wussten, dass sie ihre Heimat kaum je wiedersehen würden, wenn sie denn die Neue Welt überhaupt lebend erreichten.

Über die weite, glitzernde Fläche des Meeres reist nun Alloune – und auch er weiß nicht, ob und wann er zurückkehren wird. Von Station zu Station wird seine Umgebung beengender. Während er in den dünn besiedelten Südstaaten noch über riesige schneebedeckte Felder hastet, mit seinen langen Gliedern und schäbigen Kleidern einer Vogelscheuche nicht unähnlich, ist er später nur noch von Mauern umgeben, sichtbaren und unsichtbaren. Dem eisigen, grauen Winter New Yorks hat Alloune nichts entgegenzusetzen als sein aus der Sonne Afrikas herübergerettetes Lächeln und die unumstößliche Überzeugung, dass seine Regeln die besseren seien. Diese Sturheit bringt ihn zwar nicht an jedes Ziel, aber am Ende doch in Idas Bett.

Broadway, fsk am Oranienplatz (untertitelte Originalfassung) und Filmtheater am Friedrichshain

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