Kultur : Der afrikanische Krieg

„Nine Finger“: ein Stück über Kindersoldaten von Benjamin Verdonck und Alain Platel

Renate Klett

„Beasts of No Nation“ heißt der ungemein eindringliche Debütroman des nigerianischen Amerikaners Uzodinma Iweala (geb. 1982). Er erzählt die herzzerreißende Geschichte eines afrikanischen Jungen in einem der zahllosen schmutzigen Kriege des Kontinents. Agu wird von einem verlotterten Rebellentrupp als Kindersoldat rekrutiert, wo er töten, stehlen und andere Dinge tun muss, die, wie seine geliebte Mutter ihn lehrte, schwere Sünden sind. Deshalb quält ihn sein Gewissen, aber er ist so hungrig, dass es verstummt und er nur noch von Hühnern träumt, die er essen kann. Vom Kommandanten sexuell missbraucht, mit Gun Juice zum Töten geputscht, einsam und elend, verroht er immer mehr, und nur die Erinnerung an seine Familie und das glückliche Dorfleben hält ihn zusammen.

Auf der Grundlage des Romans haben Fumiyo Ikeda, Alain Platel und Benjamin Verdonck eine Aufführung entwickelt, die im Königlich Flämischen Theater (KVS) in Brüssel uraufgeführt wurde: „Nine Finger“ – ein Titel, der auf etwas unwiederbringlich Verlorenes verweist, in diesem Fall eine Kindheit, die zerstört, und ein Land, das brutalisiert wird. Die beiden Darsteller, sie Tänzerin bei „Rosas“, er Performer zwischen bildender Kunst und Theater, teilen die leere Bühne nur mit einem Mikrofonständer, einer Matratze, Plastikbündeln und einem riesigen Pappkarton. Sie spielen zwei Soli, die aufeinander antworten, sich manchmal kreuzen und vermischen und dann wieder scheinbar unverbunden nebeneinander herlaufen.

Benjamin Verdonck schreit, kreischt, spuckt Romanfragmente ins Mikro, atemlos und ausgelaugt. Er schmiert Gesicht und Körper mit schwarzer Creme ein, die überall abfärbt, tobt mit verzerrten Beinen, kindlichen Bocksprüngen oder stolzierender Müdigkeit durch den Raum. Er spielt Agu nicht, sondern demonstriert ihn, zeigt einen von vielen und viele in ihm. Das ist irritierend und beeindruckend – erschreckend und verzweifelt wie das Buch ist es nicht. Was auf der Strecke bleibt, ist auch die literarische Qualität des Afropidgin, das Iweala erfunden hat, eine poetisch absurde Kindersprache aus Wortschöpfung und -verdoppelung („I am sadding fast fast“).

Fumiyo Ikeda setzt markante Tanzfiguren dagegen, mit großen Bewegungen und einem Körper ohne Knochen, ohne Schwerkraft. Sie wechselt die Rollen, mal scheint sie Agus Freund Strika zu sein, mal Agu selbst oder beider Opfer, die in der Pauschalisierung als the enemy leichter zu töten und zu vergessen sind. Sie hat keinen Text, drückt sich allein durch den Körper aus, mit schleudernden Armen und Beinen, gefaltetem Rumpf oder einer Hand, die zur Vogelkralle verkrampft.

Die Initiative zu der Arbeit ging von Ikeda aus, sie lud Verdonck ein, der den Text mitbrachte, und Platel, dessen Anteil an der Aufführung schwer einzuschätzen ist. Dies ist kein Platel-Abend, wie man ihn kennt und erwartet, dafür ist er thematisch wie ästhetisch zu weit weg. Platel hat noch nie eine Aufführung mit nur zwei Darstellern gemacht und diese vermutlich auch nicht „gemacht“, sondern eher beobachtend, kommentierend begleitet. Seine Arbeit beruht seit jeher auf gemeinsamer Kreation, und je weniger Beteiligte es gibt, desto autonomer sind sie. Hier zeichnet er explizit nicht als Regisseur, und seine Handschrift ist nirgends zu erkennen – aber was heißt das schon: Menschen ändern sich, selbst Künstler, und vor allem die guten.

Bemerkenswert ist der unsentimentale, manchmal fast abstrakte Angang an die schrecklichen Geschichten. Wenn das Mikro rabiat über die Bühne getreten wird, krachend zu Boden fällt oder auf die Haut geschlagen, ergibt das ein prägnanteres Abbild des Krieges, optisch wie akustisch, als das übliche Herumfuchteln mit Theatergewehren. Und für die Onanierszene reicht es, mit einem Stofffetzen am Mikro zu rubbeln, das im Schoß liegt.

Die emotionale Wucht des Romans kann die Aufführung aber nur punktuell erreichen, vor allem in den leisen Szenen der Traurigkeit und Leere zwischen den Gefechten. Die vergewaltigten Frauen, zertretenen Köpfe und verwesten Leichen am Straßenrand lassen sich ohnehin nicht darstellen. Agus Angst, dass er der Teufel sei, rührt die Helferin im Rehabilitationszentrum zu Tränen. Doch das angepappte Happy End des Romans mit amerikanischer Hilfe und Erlösung streicht die Aufführung zu Recht.

Nur einmal lässt sie etwas Hoffnung durchschimmern: Wenn Agu sich eine Zeit nach dem Krieg vorstellt, in der er ohne Hunger und Todesangst, ohne Moskitostiche und blutende Füße als Doktor arbeitet oder als Ingenieur, „making too much money so I am becoming big man and never having to fight war ever again“.

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