Kultur : Der Alptraumtänzer

„Muxmäuschenstill“ oder Von einem, der auszog, die Welt zu verbessern

Jan Schulz-Ojala

Eigentlich ist dieser Mux ein ganz Netter. Typ Nachbars Schwiegersohntraum, kein Schlaffi, sondern ein junger Mann mit Ich-AG, der weiß, was er will, und einen Angestellten hat er auch. Und seine Ansichten: ein Idealist ist dieser Ex-Philosophiestudent, aber kein Traumtänzer, sondern einer, der an unser aller Verantwortungsbewusstsein appelliert und das auch durchzusetzen versteht. Ist doch so: Vor lauter Laxheit, dieser Nach-68er-Permissivität, wollen wir nicht mehr wahrhaben, wie die Gesellschaft ihre eigenen Regeln missachtet und, tja, vor die Hunde geht.

Andererseits ist Mux ein sehr seltsamer Typ. Kann ja lustig sein, einfach auf Temposünder-Jagd zu gehen und den frisch Ertappten kurzerhand das Lenkrad abzuschrauben. Aber muss der Menschenverbesserer Ladendiebinnen bis in die Umkleidekabine verfolgen und nötigen, den geklauten BH vor seinen Augen auszuziehen? Natürlich hat das was, wenn Mux Exhibitionisten im Park stellt, alte Knacker beim Ausleihen von Kinderpornos so einschüchtert, dass die Rückfallquote bei „unter zehn Prozent“ liegt. Aber Schwarzfahrer einfach abkassieren oder Leute, die über Rot gehen – darf der das überhaupt? Dann wieder bekehrt Mux eine bekennende Ausländerfeindin zur Kämpferin für ein freies Kurdistan, und schon sagt der Grünen-Wähler in uns leise Jawohl.

Eigentlich aber ist Mux ein durchgeknallter Psychopath. Einer, der bloß zum Schein Sturm läuft gegen eine total medienverblödete Gesellschaft, die Bohlen und Ferrari-Schumi anbetet. Einer, der, den Kantschen Kategorischen Imperativ im Munde, eigene Fascho-Instinkte auslebt in seiner „Gesellschaft für Gemeinsinnpflege“ – mit dickem DackelblickDoofi als Assistenten, der die Einmann-Bürgerwehr in „Schulungsvideos für die Nation“ verewigt. Schlimm genug, dass Mux trickreich den Blockwart in uns zu mobilisieren versteht, schlimm genug, dass er nach einer spektakulären Aktion von den „Tagesthemen“ hofiert wird und sein Laden bald deutschlandweit floriert. Wozu noch Polizei, Justiz, Demokratie, wenn das Schuld-und-Sühne-Prinzip so simpel funktioniert: Fiffi hat fett auf den Bürgersteig gemacht und ab mit der Halterfresse in den Haufen?

Andererseits ist Mux ein armer Kerl. Sein Privatleben: Fehlanzeige. Sicher, da gibt es Kira, die Kellnerin, die ihn erst ganz attraktiv findet – aber dass er lieber den „Ritter“ gibt, statt mit ihr ins Bett zu gehen und dass er sie dauernd „Mäuschen“ nennt, findet Kira schnell ziemlich komisch. Und dass Mux in uralten Berliner Eckkneipen vor uralten Berliner-Eckkneipe-Berlinern inbrünstig den UraltHeuler „60 Jahre und kein bisschen weise“ zum Besten gibt und eine Nachbarin als Mutterersatz knuddelt: Das ist wirklich das Letzte. So ein junger Typ, so aus seiner Welt gefallen: so totalgrößenwahnsinnig und so extremuntendurch. Keine Frage, dass sowas übel endet. Mit Mux. Und Mäuschen. Und irgendwann still.

Sehr unangenehmer Film. Eklig stark auch. Dieser Mux geht einem nach: Er streichelt Meinungen, Vorurteile, Ideologien – und bürstet sie gleich wieder gegen den Strich. Ein freundliches Monster, eine Ausgeburt unserer Alltagsfantasien, ein jugendliches Ungeheuer aus den Sümpfen des Neoliberalismus. Da ziehen wir die Weltverbesserer aus Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ doch vor, die in den Villen der Reichen kleine Einschüchterungsbotschaften hinterlassen. Naive Rebellen sind sie, die das Gewissen beruhigen: Sie kämpfen schließlich gegen das Globalkapital. Mux dagegen terrorisiert die kleinen Leute – und mobilisiert im Namen der Moral den kleinen, großen Fiesen in uns allen.

Ein Alptraum also, dieser „Muxmäuschenstill“, und ein Super-Film auch. Superböse erfunden und superglaubwürdig, jedenfalls eine lange Strecke lang. Kein Wunder, dass den Filmförderern reihenweise das Projekt zu heiß war, noch nicht lau gebadet im publikumsorientierten Konsensgeschäft. Dieser Film: kein Pfund, mit dem man wuchern kann, sondern ein Splitter, der womöglich ins Auge geht. Und kein Wunder auch, dass das junge, vitale Team um Regisseur Marcus Mittermeier und Drehbuchautor und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg gesagt hat: Jetzt erst recht, wir machen das mit allerlei Anfängern, zwei Mini-DV-Kameras und 40000 Euro, zusammengekratzt bei Onkels und Tanten. Das Ergebnis ist nur technisch entsprechend schlicht; thematisch, kompositorisch, auch schauspielerisch, ist es sensationell.

Beim Deutschen Filmpreis holte „Muxmäuschenstill“ Gold für den besten Schnitt. Ein Trostpreis, den Cutterin Sarah Clara Weber für den Hinweis nutzte, dass manche Fördergremien das Projekt für „geisteskrank“ hielten. Aber schon die Nominierung brachte den Machern 250000 Euro. Gut angelegtes Geld. Denn „Muxmäuschenstill“ wagt was – und das ist selten im deutschen Kino. Er ist spannend, ohne bloß zu unterhalten. Und er ist nicht geisteskrank, sondern macht im Zweifel – gerade im Zweifel – irre schlau.

In Berlin im Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, Hackesche Höfe, International, Kulturbrauerei, Kant, Yorck

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