Kultur : Der alte Junge

ANDREAS AUSTILAT

"Dann lernst du laufen, und dann lernst du leben, und was daraus entsteht, heißt Lebenslauf", ein Kästner-Aphorismus der gut das Motto abgeben könnte, für die Erich-Kästner-Ausstellung "Die Zeit fährt Auto" im Berliner Kronprinzenpalais, dem Interimsquartier des Deutschen Historischen Museums.Der Rundgang beginnt mit dem Blick auf Kästners Elternhaus in Dresdens Königsbrücker Straße, eine Etage höher und sechs Räume weiter endet er mit den Kranzschleifen vom Grab.Chronologisch, biographisch - das macht selten so viel Sinn wie bei diesem Autor, dessen Biographie längst untrennbar mit dem Werk verschmolzen ist.

Königsbrücker Straße, in drei Umzügen hat sich die Familie stadteinwärts gekämpft, von der vierten in die zweite Etage, "wir zogen tiefer, weil es mit uns aufwärts ging".Kästner hat nie ein Hehl gemacht aus seiner kleinbürgerlichen Herkunft, im Gegenteil.Und es bestand auch nie ein Zweifel daran, daß er der wichtigste Trumpf im Ringen der Mutter um den sozialen Aufstieg war.Manfred Wegner vom Münchner Stadtmuseum, Theaterwissenschaftler und zusammen mit dem Münchner Germanisten Martin Linden Macher der Ausstellung, konnte auf einen reichen Fundus zurückgreifen: den Nachlaß der langjährigen Kästner-Lebensgefährtin Luiselotte Enderle, das heutige Erich-Kästner-Archiv in München, mit persönlichen Erinnerungsstücken, Originalmanuskripten, Briefen.Und so illustrieren denn die lebenslang aufbewahrte Locke des kleinen Erichs, seine Zeugnisse, Zeichnungen und Kinderschuhe das Projekt "der patente Junge", inszeniert mit Schrumpfklavier, eisernem Küchenherd und den Friseur-Utensilien der Mutter.Es fehlen eigentlich nur die durchweichten Dielen aus der Küche, in der sie den Kunden die Haare wusch, ganz wie Emil Tischbeins Mutter, Sie wissen schon, Emil, der kleine Detektiv.

Die enge Bindung zwischen "Muttchen" und "deinem ollen Jungen" ist in der Literatur viel diskutiert worden, eine Diskussion, die die Ausstellung nicht vertieft.Sie nimmt das Motiv eher soziologisch auf, als Illustration der sozialen Herkunft.Wo wir schon einmal bei der Herkunft sind, Onkel Franzens als großbürgerliche Möglichkeit schimmernde Villa am Albertplatz aus den Erinnerungen "Als ich ein kleiner Junge war" kam nach Wegner erst 1915 in den Besitz der Familie.Da war der 16jährige kein kleiner Junge mehr.Manches vermeintlich Biographische entpuppt sich als Kunst.

Um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, die Ausstellung im DHM zeigt Kästner als Autor der kleinen Leute.Dies ist nicht im doppelten Sinne gemeint, es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Ausstellung für Kinder.Wenn hier der Berliner Nollendorfplatz gewissermaßen als genius loci breiten Raum einnimmt, dann nicht - oder wenigstens nur zum geringeren Teil - weil Emil mit seinen Detektiven hier sein Hauptquartier aufschlug, sondern weil Piscator hier das avantgardistische Theater machte, das Kästner beindruckte, weil in der Auseinandersetzung mit der SA rund um die Premiere des Films "Im Westen nichts Neues" im Metropol der Kampf gegen den Militarismus kulminiert, weil nebenan, in der "Wespe", Kästner keine Unterhaltung machte, sondern linkes Politkabarett.

Leipzig, sonst gern als Zwischenstation auf dem Weg nach Berlin unterschlagen, präsentiert Wegner als den Ort, wo der Student und Redakteur Kästner das literarische und lyrische Rüstzeug für die Berliner Erfolge erhält.Im Mittelpunkt aber steht Berlin, sowohl die Jahre der Republik als auch die Jahre, in denen Kästner als verbrannter Autor in die innere Emigration geht.Was nicht bedeutet, daß er nicht arbeitet, für das Ausland, unter Pseudonym, als Unterhaltungsschriftsteller und schließlich für die Ufa.

Warum er sich zum Bleiben entschließt, ob es die Angst vor dem Verlust der Muttersprache oder die enge Mutterbindung war, das war schon vor Jahrzehnten vieldiskutierte Frage, eine Antwort findet auch diese Ausstellung nicht.Sein Bleiben, seine Haltung als Zuschauer aber, die wird mit den Mitteln der Inszenierung kommentiert: Ihm stehen die verfolgten und ermordeten jüdischen Kollegen gegenüber.Aber auch wie gefährlich sein Bleiben war kann man sehen, illustriert durch das Beispiel der Freunde Erich Ohser und Erich Knauf.Beide versuchen, sich zu arrangieren, beiden wird schon ihr Nicht-Nazisein zum Verhängnis.

Die Folgen seines Bleibens zeigt diese Ausstellung nur indirekt: indem sie Kästners Neuanfang in München ziemlich knapp abhandelt.Der Mahner gegen Wiederbewaffnung und Atomrüstung, der vielfach geehrte PEN-Präsident, verstummt literarisch, aus dem kämpferischen Republikaner ist ein Melancholiker geworden.Auch dies ist tragisches Ergebnis einer Biographie, die hier eine ziemlich kritische Würdigung erfährt.

24.Februar bis 1.Juni im Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3.Täglich außer mittwochs 10 bis 18 Uhr.Katalog 38 DM.

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