Kultur : Der amerikanische Engel Fluchthelfer Varian Fry: eine Erinnerung zum 100.

Peter von Becker

Morgen wäre er 100 Jahre alt geworden, und vor fast genau 40 Jahren ist er in seinem Holzhaus an der amerikanischen Ostküste mit knapp 60 einsam, vielleicht unterstützt von erlösenden Schlaftabletten gestorben. Varian Fry, damals Lateinlehrer irgendwo in Connecticut, fast vergessen, doch einst der Mann, dem Alfred Döblin, Heinrich und Golo Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Alma Mahler, Walter Mehring, Hannah Arendt und auch Marc Chagall oder Max Ernst und André Breton aus Südfrankreich die Flucht vor den Nazis verdankten. Ebenso wie zweitausend andere Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Publizisten, Verfolgte – Juden und Nichtjuden, Deutsche, Österreicher, Franzosen, Staatenlose.

Sie alle nannten ihn: den „amerikanischen Schutzengel“. Der später in New York lebende, in Berlin 1993 begrabene Schriftsteller Hans Sahl bat kurz vor seinem Tod einen Freund, den Daimler- Benz-Vorsitzenden Edzard Reuter, im wiedervereinigten Berlin an Varian Fry zu erinnern. Jetzt gibt es bei der Daimler-City am Potsdamer Platz die kleine Varian-Fry-Straße. Aber Frys zuerst 1945 in den USA, dann 1986 auch auf Deutsch erschienene Memoiren „Auslieferung auf Verlangen“ sind nur noch antiquarisch erhältlich; und allenfalls Eingeweihte kennen seinen Namen und seine Geschichte, die ab 1940 ein Stück Weltgeschichte war.

Damals kam der kaum 33-jährige New Yorker Journalist mit einer (von Thomas Mann und seinen Kindern Erika und Klaus mitverfassten) Liste von 200 Namen bedrohter Künstler und einer Empfehlung der Präsidentengattin Eleanor Roosevelt und 3000 Dollar nach Marseille. Im Auftrag des von europäischen Emigranten und amerikanischen Helfern in einem New Yorker Hotel gegründeten „Emergency Rescue Committee“ sollte er drei Wochen bleiben. Fry blieb, zunächst auf eigene Faust, 13 Monate – bis ihn die Polizei der im unbesetzten Südfrankreich mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regierung auswies.

Die Botschaft von der Ankunft des sagenhaften Amerikaners hatte sich schon nach wenigen Tagen wie ein Lauffeuer in Marseille und entlang der Cote d’Azur verbreitet, wo tausende Verfolgte oder Bedrohte vor den Nazis Zuflucht gesucht hatten und viele noch in den Internierungslagern der französischen Vichy- Verwaltung saßen. Assistiert von einer jungen amerikanischen Millionärin und dem in Berlin geborenen späteren Harvard-Starökonomen Albert Hirschman, besorgte Fry echte und falsche US-Visa, ließ Pässe fälschen, organisierte Schiffspassagen und mithilfe der legendären Widerständlerin Lisa Fittko die geheimen Kletterpartien über die Küstenberge an der französisch-spanischen Grenze bei Port Bou: dort, wo auch manche das Wechselbad zwischen Todesangst und Hoffnung nicht mehr ertrugen. Walter Benjamin war einer von jenen, die sich, die Rettung vor Augen, doch das Leben nahmen.

Fry kämpfte dabei nicht nur mit den Nazis, mit Gestapo-Spitzeln und Kollaborateuren. Auch dem zu dieser Zeit reich mit Antisemiten und Hitler-Sympathisanten bestückten US-Außenministerium war Fry nicht geheuer. Nach seiner Rückkehr wollte man ihm auch nicht glauben, als er 1942 als einer der Ersten in den USA einen Artikel über das „Massaker an Europas Juden“ veröffentlichte. Bereits 1935 hatte Fry, im Jahr der Nürnberger Gesetze, Deutschland bereist. Nach 1945 drangsalierten ihn McCarthys Kommunistenjäger. Jetzt erinnert die Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem an ihn. Und ab 18. November soll es in der Berliner Akademie der Künste eine Ausstellung geben, „Varian Fry: Berlin – Marseille – New York“. Immerhin. Peter von Becker

0 Kommentare

Neuester Kommentar