Kultur : Der amerikanische Freund

Deutschstunden: Zum 90. Geburtstag des Historikers Gordon A. Craig

Hermann Rudolph

Ein Tag im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum machte ihn „zu einem Bewunderer Cranachs d.Ä.“, während er in der Aula der Münchener Universität ungläubig verfolgte, wie der „fast aus seiner braunen Uniform platzende grobschlächtige“ Julius Streicher „Kübel von Schmutz“ausgoss. Unter dem Eindruck solch widersprüchlicher Erfahrungen erlebte ein zweiundzwanzigjähriger amerikanischer Geschichtsstudent im Jahre 1935 seine erste Begegnung mit Deutschland. Sie begründete eine lebenslange Beschäftigung mit den Wegen und Irrwegen der deutschen Geschichte und machte aus ihm jenen ausländischen Historiker, von dem sich die Deutschen – ausweislich der Auflagen seiner Bücher und der ihm zuteil gewordenen Ehrungen – am liebsten über sich und ihre komplizierte Geschichte aufklären lassen: Gordon A. Craig, der an diesem Mittwoch neunzig Jahre alt wird.

Craigs Erfolg bei den Deutschen ist nicht leicht erklärbar. Denn der entschiedene Liberale hat die dunklen Kontinuitätslinien der deutschen Geschichte nie ausgespart, und etwa mit seinem 1982 erschienenen Essay „Über die Deutschen“, der die Ambivalenzen ihrer Geschichte und Gegenwart ausführlich durchbuchstabiert, hat er deshalb auch heftige Reaktionen ausgelöst. Dass ihm die Deutschen gleichwohl treu geblieben sind, hat wohl damit zu tun, dass seine Bücher ein für einen Mann der Wissenschaft ungewöhnliches Maß an Sympathie und Einfühlungs-Bereitschaft mit den Deutschen und ihrer Geschichte spüren lassen. Der kritische Geschichtsschreiber ist unverkennbar ein Liebhaber dieses Landes, trotz allem, woran gerade ein Historiker nicht vorbeigehen kann, ein Liebhaber zumal seiner Kultur, seiner Literatur und Musik.

In der Tat beeindrucken seine Bücher und Aufsätze nicht zuletzt durch die staunenswerte Vertrautheit, ja, die zuneigungsvolle Intimität, mit der er sich in der deutschen Bildungswelt bewegt. Es hat etwas Anrührendes, wie seine unprätentiöse, durchaus didaktische Art der Darstellung zugleich in Tuchfühlung mit Schiller-Zitaten und Fontane-Passagen lebt. Wobei Craig, der mit Büchern zur preußischen Geschichte begonnen hat und den die Zentralmacht des deutschen 19. Jahrhundert nie los gelassen hat, in dem Schilderer Berlins und Preußens sozusagen einen Bruder im ironisch-humanen Geiste gefunden hat. Nicht zufällig hielt er 1998 in Neuruppin neben dem Bundespräsidenten den Festvortrag zur Eröffnung des Fontane-Jahres.

Wie die meisten Deutschlandkenner seiner Generation ist Craig ein Emigrant – aber nicht aus Deutschland, sondern aus Schottland. Geboren in Glasgow, kam er als Dreizehnjähriger nach Amerika, wo er eine glänzende Universitäts-Laufbahn mit den Stationen Yale, Princeton und schließlich, seit 1961, Stanford absolvierte. Dass er den Deutschen den größten Teil seines wissenschaftlichen Lebens gewidmet hat, mögen sie ihm auch dadurch entgolten haben, dass sie ihm gezeigt haben, dass sie wissen, was sie an ihm haben. Seine Bücher, die großen, seine „Deutsche Geschichte“ und die „Geschichte Europas“, wie seine Sammlungen kleinerer Arbeiten, zumeist in der von ihm geschätzten Form des Porträts, haben ein breites Publikum gefunden. Und die Kette seiner Ehrungen führte ihn 1990 in die Mitgliedschaft des exklusivsten Gesellschaft der Bundesrepublik, des Ordens Pour le mérite – angesichts dieses Werkes und der Haltung, die es ausdrückt, zu Recht.

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