Kultur : Der amerikanische Jazzgitarrist ist im Alter von 74 Jahren gestorben

Christian Schröder

Es war Anfang der sechziger Jahre, als plötzlich ganz neue Farben in der Musik auftauchten: das schweflige Gelb des Kakadus, das moosige Grün der Blaustirnamazone, das flammende Rot des Ara. Der Jazz hatte Flügel bekommen. "Latin Byrd" hieß das Album, dessen Cover einen rundlichen Mann mit Gitarre zwischen lauter Papageien zeigte. Charlie Byrd schien direkt aus dem Urwald zu kommen, aber er hatte nichts Exotisches an sich. Aus Brasilien hatte er den Samba mitgebracht, und er brauchte nicht mehr als seine Gitarre, um diese sanft-melancholischen Songs von der Meeresbrandung und Mädchen an endlosen Stränden zu spielen. Byrd war Nordamerikaner, ging aber ohne weiteres als jemand von south of the border durch. Zum Erfolg der Latin-Welle in seiner Heimat hat er beigetragen wie sonst nur noch Stan Getz. Am Donnerstag ist Charlie Byrd in seinem Haus in Maryland gestorben. Er wurde 74 Jahre alt. Der Vogel fliegt nicht mehr.

"Chuckatuck" heißt der Ort in Virginia, in dem Byrd 1925 geboren wurde. Das klingt wie ein Vogelruf. Mit neun Jahren brachte ihm sein Vater die ersten Griffe bei, später spielte er in Tanzkapellen und tourte mit einem Army-Orchester durch Europa. In Washington traf er auf den klassischen Gitarrenlehrer Sophocles Papas, in Siena ging er beim "größten Gitarristen auf Gottes Erdboden", wie er ihn nannte, in die Lehre: bei Andrés Segovia. Byrd spielte Bach und Bartók, daneben Folksongs, Flamenco und Swing. Ab 1957 hatte er eine eigene Jazzcombo, mit der er von der Ost- zur Westküste tingelte, später auch einen eigenen Club, die "Showboat Lounge" in Washington. Doch seinen eigenen Stil fand er erst in Lateinamerika. 1961 ging er auf eine umjubelte Tournee durch die Metropolen des Halbkontinents. Als er in die Staaten zurückkehrte, war er ein Star.

"Wenn ich Trompete spielte, hatte ich auf der Bühne keine Probleme", hat er gesagt, "doch mit der Gitarre kämpfst du immer gegen den Lärm der anderen." Seine Gitarre spielte er ohne Plektron, einfach nur mit den Fingern. Von Antonio Carlos Jobim, dessen Bossa-Nova-Balladen er aufnahm, lernte er, dass ein Rhythmus nicht langsam genug sein kann, um die stärkste Dynamik zu entwickeln. Und Stan Getz, mit dem er das programmatische Album "Jazz Samba" einspielte, zeigte ihm, wie man eine Komposition durch ihr Arrangement zum Strahlen bringt. "Byrd in the Wind" heißt eine seiner Platten. So klingt Charlie Byrds Musik: hinübergeweht aus einer fernen Welt.

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