• Der amerikanische Konzept-Künstler Joseph Kosuth stellt in der Schirn in Frankfurt aus - alle Bilder lügen

Kultur : Der amerikanische Konzept-Künstler Joseph Kosuth stellt in der Schirn in Frankfurt aus - alle Bilder lügen

Christian Huther

"Der Denker gleicht sehr dem Zeichner, der alle Zusammenhänge nachzeichnen will." Diesen Aphorismus Goethes hätte Joseph Kosuth als Motto seiner Arbeit für die Frankfurter Schirn Kunsthalle wählen können. Denn dem amerikanischen Konzept-Künstler, bekannt durch die Kasseler documenta, geht es, ganz im Sinne Platons, um Philosophisches. Für Kosuth lügen die Bilder und sind Schein; nur die Sprache bildet die Wirklichkeit. Folglich gestaltet er Sprach- und Denkräume voller Schriftbilder.

Zum 250. Geburtstag Goethes am 28. August schuf Kosuth eine Installation aus Texten des Dichters; aber auch Walter Benjamin, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein und andere Autoren kommen zu Wort. Der Titel "Gäste und Fremde: Goethes italienische Reise" spielt auf die Weltoffenheit des Dichters an. Kosuth geht es um die Annäherung an Fremdes, das zu Vertrautem werden kann. Denn als Gast ist man oft Fremder und auf eine andere Sprache angewiesen.

Sprache ist nach dem Sinne Kosuths ein Beispiel für gesellschaftliche Systeme. Der Text-Künstler bemüht deshalb gern auch Wittgensteins Abhandlungen zum Wesen der Sprache; noch stärker aber haben ihn die Untersuchungen des Philosophen HansDieter Bahr angeregt. Um was es da geht, ahnt nur der des Lateinischen Mächtige: Die aus einer Wurzel stammenden Wörter hospes und hostis bezeichnen zwar jeweils den Fremden; hospes meint aber den Gast oder sogar den Wirt, hostis dagegen den Feind.

Auch der 1945 geborene Kosuth pendelt zwischen den Welten, zwischen New York und Europa. Von 1988 bis 1997 lehrte er an den Akademien in Hamburg und Stuttgart, seit 1998 lebt er in Rom. Doch Kosuth spricht nicht Deutsch, liest Texte in englischer Übersetzung und lässt seine Assistenten die Originalpassagen heraussuchen.

Die Frankfurter Installation ist Kosuths dritte Arbeit zur Fremden-Thematik, nach denen 1995 in Oslo über Wittgenstein und 1997 in Dublin über Joyce. Den langen, schmalen Galerietrakt der Schirn hat Kosuth in Graugrün ausgeschlagen und darauf seine Texte applizieren lassen. Man muss sich also im Raum bewegen, um die Zitate lesen zu können. Im Zentrum steht ein um den ganzen Raum laufendes Schriftband aus Goethes Italien-Reise, nur durch einen Strich getrennt von einem Band mit Walter Benjamins Gedanken. Fast oben an der Decke stimmt ein Schriftband aus einer Goethe-Biografie in die damalige Zeit ein, unten an der Fußleiste zitiert ein anonymes Benimm-Buch von 1800 die Alltagskultur. Dazwischen sind Aphorismen und Reflexionen von Goethe sowie Erörterungen verschiedener Autoren eingestreut, die den Dichter interessierten. Dort findet sich auch jener Vergleich zwischen Denker und Zeichner. Doch gerade am Nachzeichnen der von Kosuth gefundenen Zusammenhänge hapert es. Der Katalog dokumentiert zwar frühere Installationen, bildet aber die neue Arbeit nur teilweise ab. So trägt man nur Gedankenfetzen nach Hause.Bis 12. September, Katalog 48 Mark.

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