Kultur : Der amerikanische Traum

Heute vor 40 Jahren wurde John F. Kennedy in Dallas erschossen. Noch immer wirkt das Bild des Präsidenten nach – als unerfüllte Verheißung

Robert von Rimscha

Am Nachmittag des 22. Novembers 1963 saß Willy Brandt zu Hause auf dem Sofa. Er war gerade mit seiner Frau Rut von einer strapaziösen Afrika-Reise zurückgekehrt und suchte nun Entspannung daheim in Berlin-Schlachtensee. Es war Freitag; das Wochenende stand vor der Tür. Kurz nach 19 Uhr 30 läutete das Telefon. Ein befreundeter Journalist rief Brandt an und teilte ihm atemlos mit, John F. Kennedy sei gerade im texanischen Dallas erschossen worden.

In der folgenden Nacht versammelten sich 60 000 Berliner zu einem Fackelzug, um des Ermordeten zu gedenken. Es hatte keinen offiziellen Aufruf zu dem Trauermarsch gegeben, es gab kein zentrales Organisationskomitee, keine polizeiliche Anmeldung. Vor allem die Jugend Berlins hatte sich spontan versammelt, darunter viele Studenten, um von einem Freund der Stadt Abschied zu nehmen. Morgens um ein Uhr am 23. November war die Menschenmenge am größten, die schweigend durch die Straßen ging. Willy Brandt schrieb später, wie sehr ihm das „einfache und nachdrückliche Da-Sein“ der Berliner Respekt abgenötigt habe. Der Fackelzug für den toten Kennedy sei die bewegendste Massenveranstaltung gewesen, die er je gesehen habe, bekannte der spätere Bundeskanzler.

Kennedys gewaltsamer Tod heute vor 40 Jahren, nach einer knapp dreijährigen Amtszeit, ist zum Fanal für das Sterben politischer Hoffnungen geworden. Wir wissen längst, wie zwiespältig Kennedys Leben und Politik waren. Wir wissen um die dauernden Krankheiten, die ebenso vor der Öffentlichkeit versteckt blieben wie seine maßlose Hingabe an immer neue Affären. Wir wissen, wie wenig Kennedy die Bürgerrechte der Schwarzen im Süden der USA zu Herzen gingen und wie sehr stattdessen Moskaus Macht. Wir wissen, dass der Kongress noch seine kleinsten Reformen blockierte und die faktische Bilanz seiner Regierung dürftig ausfällt.

Und doch sehen wir anderes. Die Witwe Jackie, nach dem Mord so stoisch wie zuvor angesichts der Seitensprünge. John-John, offiziell John F. Kennedy Jr., der kleine Sohn beim Salutieren vorm Sarg, tags vorher von der Mutter erlernt. Das Pferd ohne Reiter, das bei der Trauerfeier in Washington dem Sarg folgte. Das Entsetzen in den Gesichtern Amerikas. Das Unfassbare am Tod des jüngsten US-Präsidenten aller Zeiten, der noch dazu der erste Ire und der erste Katholik und damit der erste Nicht-WASP und ohnehin das erste Kind des 20. Jahrhunderts im Weißen Haus gewesen war.

Im Tod und in seinem Nachleben hat Kennedy, der erste Meister des Umgangs mit dem öffentlichen Image, nochmals die These bewiesen, dass die Macht der Bilder jene der Gesetzgebungsvorhaben überragt. Gegen das Überbordende an Emotion, das sich an Kennedy festmacht, kommt keine Enthüllung an. Einen solchen Einbruch des Schocks in den Alltag haben die USA nach dem 22. November 1963 erst wieder am 11. September 2001 erlebt.

Parallelen zwischen damals und heute, zwischen John F. Kennedy und George W. Bush, zwischen dem Demokraten und dem Republikaner, zwischen dem brillanten Redner und dem tolpatschig wirkenden Sprach-Stolperer: Solche Parallelen wirken befremdlich. Amerika aber zieht sie. „Bush und Kennedy gewannen beide ihr Amt äußerst knapp und hatten weder ein wahres Mandat des Volkes noch einen Plan, wozu sie die errungene Macht eigentlich gebrauchen wollten“, hat David Gelernter im US-Magazin „Weekly Standard“ geschrieben. „Beide waren weder geborene Politiker noch Ideologen. Beide entstammten reichen, ehrgeizigen Hochleistungsfamilien und den Kaderschmieden der Elite und wurden letztlich nur auf Grund ihrer jeweiligen Väter Präsidenten. Als jungen Männern hätte man beiden dies nie zugetraut. Beide waren Konservative mit Herz, beide wurden von ihren politischen Gegnern als Leichtgewicht verspottet, beide besiegten erfahrenere Opponenten und holten sich dann starke Vizepräsidenten an die Seite. Beide waren stolze, kampfbereite Patrioten. Beide reiften an militärischen Herausforderungen.“

Kuba und Al Qaida – so hießen die Herausforderungen. Kuba beschäftigte Kennedy zweimal. Erst kam die desaströse Invasion der Schweinebucht, dann die Weltkrise um Moskaus auf der Zuckerinsel stationierte Raketen. Al Qaida und der 11. September führten, zumindest aus US-Sicht, zu zwei Kriegen: Afghanistan und Irak. Gelernter sieht auch hier eine Parallele: „Alle vier militärischen Engagements führten zu keinem wirklichen Ergebnis.“ Der Kalte Krieg überlebte Kennedy um eine Generation. Der Kampf gegen den Terror mag es bei Bush auch tun.

Es ist der jetzige US-Präsident selbst, der dem emotionalen Bann seines Vorgängers ein Denkmal gesetzt hat. Als Bush im Sommer 2000 für das Weiße Haus nominiert wurde, begann sein Werbefilm zur Versammlung der Republikaner mit Bildern und Zitaten Kennedys. Eine unerhörte Aneignung fremden Erbes – so schimpften, aus unterschiedlichen Gründen, beide Großparteien Amerikas.

Die Benutzung durch den politischen Gegner zeigt, wie sehr Kennedy zur Chiffre Amerikas insgesamt geworden ist. Er stand für Aufbruch, Jugend, Beschleunigung, Hoffnung. Nach seinem Tod stand er für einen Idealismus mit sehnsüchtigen Zügen, für das, was hätte sein können, was hätte sein sollen. Weil beides utopische Züge und Heilserwartungen in sich trägt, verschmolzen die Bilder des Lebenden und des Toten.

Richard Nixon, der Verlierer von 1960, bekam seine Revanche und zog 1969 als Nach-Nachfolger Kennedys doch noch ins Weiße Haus ein. In dem 1995 in die Kinos gekommenen Hollywood-Film „Nixon“ schleicht Anthony Hopkins als Watergate- bedrängter Präsident kurz vor seinem Sturz spät nachts durch die Flure des Präsidentensitzes und findet sich just unter jenem Porträt Kennedys wieder, das auch real im Weißen Haus hängt: ein Gemälde Aaron Shiklers, das einen in sich gekehrten, düsteren Kennedy mit gesenktem Kopf zeigt. „Wenn sie dich ansehen, erkennen sie, was sie sein wollen“, sagt der Film-Nixon mit gequältem Blick nach oben. „Wenn sie mich ansehen, erkennen sie, was sie sind.“

So hat die Populärkultur ihren Anteil an der Mythologisierung Kennedys. Sie spielte von Beginn an mit. Am Broadway lief 1961 „Merrily We Roll Along“. In dem Lied „Bobby and Jackie and Jack“ wird das runde Jahr 1960 als eines beschrieben, in dem „solche Wunder“ geschehen sind. Dieses naive Zutrauen in die Kraft der Politik ist wohl, was die heutige Zeit von der Kennedys trennt. Über Bush singt niemand Wunder-Lieder.

Seine letzte Nacht verbrachte Kennedy in einer Hotelsuite in Fort Worth, in die extra je ein Bild von Monet, van Gogh und Picasso gehängt worden waren. Nach dem Wecken am 22. November blickte Jack, wie ihn alle nannten, hinab auf jene Plattform, von der aus er gleich eine Rede halten würde. „Mit all diesen Klötzen drumherum könnte der Secret Service keinen aufhalten, der dich wirklich erledigen will“, sagte der Präsident zu Kenny O’Donnell, seinem Termin-Planer.

Nach dem Auftritt in Fort Worth flog das Präsidentenpaar nach Dallas weiter. Für Jackie war es eine Ausnahme, dass sie ihren Mann auf einer der ungeliebten Reisen zur Vorbereitung des Wahlkampfes 1964 begleitete. Umringt von jubelnden Menschen, fuhren beide im offenen Wagen durch die Stadt, um im Handelszentrum eine weitere Rede zu halten. Im offiziellen Kommunique des Weißen Hauses über die täglichen Aktivitäten des Präsidenten heißt es lapidar: „Um zirka 12 Uhr 30 Ortszeit wurde er von zwei Kugeln eines Attentäters getroffen. Der Präsident wurde um 13 Uhr im Parkland-Krankenhaus in Dallas für tot erklärt.“

Walter Cronkite, der bekannteste Nachrichtensprecher des Landes und wegen seiner Popularität und Vertrauenswürdigkeit als der „seriöseste Mann Amerikas“ bekannt, informierte seine Mitbürger. Cronkite nahm seine schwere schwarze Brille ab, presste die Lippen zusammen, schluckte sichtbar, blickte auf den Boden, dann hinüber zur Uhr und schließlich in die Kamera: „Präsident Kennedy ist tot.“

Nach der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann zog sich Jackie Kennedy ins Obergeschoss des Weißen Hauses zurück, um mit ihrem Sohn und seinen kleinen Freunden Kindergeburtstag zu feiern. Auch das ist Amerika. Die Kraft, sich den Emotionen hin zu geben. Doch dann gilt ganz schnell: Es muss weiter gehen.

Der Autor, ehemaliger Amerika-Korrespondent des Tagesspiegels, hat im Campus-Verlag „Die Kennedys – Glanz und Tragik eines amerikanischen Traums“ veröffentlicht.

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