Kultur : "Der Anachronismus ist unser Vorteil"

TAGESSPIEGEL: "Sinn und Form" hat in der DDR eine ähnliche Rolle gespielt wie der "Merkur" in der alten Bundesrepublik.Empfinden Sie einander heute als Konkurrenz?

KLEINSCHMIDT: Wir als Ostler sind ja untrainiert in Konkurrenz-Angelegenheiten.Meine Erfahrung ist, daß das halbe Dutzend von typusverwandten Zeitschriften ein recht kollegiales Verhältnis hat - auch wenn es Überschneidungen bei den Autoren gibt.Karl Heinz Bohrer, der Herausgeber des "Merkur", hat schon in "Sinn und Form" veröffentlicht, ebenso wie Axel Honneth, Friedrich Dieckmann oder Gustav Seibt.

SCHEEL: Das sind wichtige Autoren für beide Zeitschriften.Aber es ist nicht Arroganz, wenn ich sage: Es gibt keine Konkurrenz zwischen uns.Wir fischen in verschiedenen Teichen.

TAGESSPIEGEL: Schwebt Ihnen, zur Bündelung der Kräfte, eine Vereinigung von "Merkur" und "Sinn und Form" vor?

SCHEEL: Die deutsche Tradition ist nun mal, daß es eine Handvoll exzellenter Kulturzeitschriften gibt, von "Lettre" bis zur "Neuen Rundschau" - und einen riesigen Untergrund von teils sehr qualitätsvollen Blättern, die aber nach einigen Jahren wieder eingestellt werden.In Amerika und England ist das anders.Wir werden unsere Auflage auch nicht steigern, indem wir leserfreundlicher werden.

TAGESSPIEGEL: Was bedeutet für Sie leserfreundliches Schreiben?

SCHEEL: Für den "Merkur" lautet die entscheidende Frage angesichts eines Manuskripts: Interessiert es auch einen Nichtfachmann?

KLEINSCHMIDT: Das Grundproblem von wissenschaftlichen Texten besteht darin, daß sie sich als Glied in einer Kette auffassen.Ihr Autonomiecharakter ist relativ schwach.Meine Forderung an Essays ist deshalb immer: so voraussetzungslos wie möglich.Diese Kontextunabhängigkeit ist auch ein Moment von Dauerhaftigkeit.Streng wissenschaftliche Texte altern schneller.

SCHEEL: Ein Beitrag im "Merkur" muß es in den ersten drei Absätzen schaffen, einem klugen neugierigen Leser klarzumachen, daß es ein schwerer Fehler wäre, den Text nicht zu lesen.

TAGESSPIEGEL: Wer ist denn der neugierige Leser?

KLEINSCHMIDT: Wer unser Leser ist? Das bleibt geheim.Er liest inkognito: Wir veröffentlichen keine Leserbriefe.

SCHEEL: Bekommen Sie welche?

KLEINSCHMIDT: Selten.Weil die Leute, die Leserbriefe schreiben, auch den Ehrgeiz haben, veröffentlicht zu werden.Wer ist unser Leser? Der Liebhaber und Laie, der an Literatur, Philosophie und Religion Interessierte, nicht der Experte.

SCHEEL: Wir haben Ende der 80er Jahre eine Leserumfrage machen lassen, die ergeben hat: "Merkur"-Abonnenten sind Intellektuelle und Akademiker.Ein Drittel arbeitet an Universitäten, ein Drittel im Bereich Öffentlichkeit, Verlage, Medien.Beim letzten Drittel, das in den vergangenen zwölf Jahren vielleicht etwas kleiner geworden ist, handelt es sich um den gebildeten Laien, den berühmten Arzt oder Apotheker, der sich mit den Fragen seiner Zeit intensiv beschäftigen will.

TAGESSPIEGEL: Funktionieren Ihre Zeitschriften als soziale Räume für die Autoren?

KLEINSCHMIDT: Von sozialem Raum würde ich nicht sprechen, höchstens von einem geistigen Raum, der von den Leuten, die ihm angehören, nicht leibhaftig betreten wird.Das Prinzip ist ein wahlverwandtschaftliches, und wie das bei Wahlverwandtschaften so ist, erkennt man einander, ohne daß man auf der Stirn seine Parole trägt.

SCHEEL: Früher funktionierte der "Merkur" als Zirkel.Hans Paeschke, der Gründer und langjährige Herausgeber, hatte eine Tafelrunde von rund zwanzig Mann - Frauen waren kaum dabei.Heute gibt es zwar einen inneren Kern, aber wir haben sehr viel mehr Autoren.Trotzdem findet die Arbeit in einer gewissen Einsamkeit statt.

TAGESSPIEGEL: Aber über die Manuskripte sprechen Sie.

SCHEEL: Man muß denen, die das frische Gemüse liefern, ab und zu einen Korb zurückgeben.Darüber zerbrechen Freundschaften.Ich habe es zwar fast nie erlebt, daß jemand, mit dem ich gut bekannt oder sogar befreundet war, ein zurückgegebenes Manuskript als schwere Kränkung empfand.Hans Paeschke jedoch hat mir mit großer Melancholie erzählt, daß die wichtigsten Freundschaften seines Leben darüber zerbrochen sind, wenn er gelegentlich Mauskripte zurückgeben mußte.

KLEINSCHMIDT: Es gibt einen Brief von Peter Huchel, da zieht er Bilanz und sagt: Ja, das ist kein geruhsames Amt.Am Ende bleiben nicht nur überall Briefschulden, sondern in vielen Fällen sogar Feinde zurück.

SCHEEL: Ich muß pro Jahr zwischen 300 und 400 Manuskripte zurückgeben, auch Manuskripte von bekannten Leuten.Wenn man dann nachts im Bett liegt und sich sagt, du machst das jetzt seit 20 Jahren, 300 Leute pro Jahr, die dich hassen, dann sind das 6000 Menschen, die beim Namen Scheel denken: Das ist aber ein dämlicher Hund.

KLEINSCHMIDT: Wir praktizieren eine Form ursprünglicher Freiheit.Wir sagen Ja, und wir sagen Nein.Normalerweise sind wir nicht lau.Nur ist eben wichtig: Wenn wir Ja sagen, kommt es aus der Bejahung und nicht aus der Gefälligkeit; und wenn wir Nein sagen, dann kommt es aus der Verneinung und nicht aus der Mißgunst.

TAGESSPIEGEL: Wie haben sich die Reaktionen auf Ihre Arbeit verändert? "Sinn und Form" hat den Abschied von der geschlossenen DDR-Gesellschaft überstehen müssen, und der "Merkur" muß sich in der veränderten Medien-Öffentlichkeit zurechtfinden.

KLEINSCHMIDT: In einer geschlossenen Gesellschaft ist es vergleichsweise einfach, eine Zeitschrift zu machen.Schon durch die geringste Abweichung kann man den größten Effekt erzielen - nicht anders als in einer Theokratie wie dem Vatikan.Es war leicht, den Spannungspunkt zu treffen.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie das auch mit einer gewissen Lust getan?

KLEINSCHMIDT: Mit einer gewissen Lustangst.Man kann da schnell schlaflose Nächte bekommen, und die Geschichte von "Sinn und Form" kennt genug solcher Episoden.Wobei zur geistigen Statur der Zeitschrift eigentlich kein Zug zur Provokation gehört.Man versucht, der Wahrheit die Treue zu halten.

TAGESSPIEGEL: Hat es in der Bundesrepublik eine der Wende vergleichbare Zäsur gegeben?

SCHEEL: Nein.Dennoch sind die Zeiten vorbei, in denen "Merkur"-Artikel in den obersten politischen Rängen gelesen und im Bundestag diskutiert wurden: Peter Bender über die Ostpolitik oder Margret Boveri über die Wiedervereinigung.Das Interview eines Politikers im Fernsehen bringt mehr als eines im "Spiegel".Die letzten Reste solch einer politisch-publizistischen Macht, die Kulturzeitschriften einmal hatten, sind verdunstet.Geblieben ist aber, daß nicht nur verträumte Bildungsbürger unsere Zeitschriftwahrnehmen, sondern daß Journalisten sie professionell auswerten.Wenn ich die "Zeit" lese, muß der "Merkur" gar nicht vorkommen.Dann weiß ich: Ach, da hat Thomas Assheuer eine Gegenposition starkgemacht.Ich bin auch froh, daß die deutsche Diskussion über Political Correctness im "Merkur" angezettelt wurde.

TAGESSPIEGEL: Ihre Stimme wird zwar verlängert in die Feuilleton-Redaktionen der Publikumsblätter.Aber die Frage ist doch, was wiederum von den Feuilletons ausgeht? Viele große Debatten der letzten Jahre waren, unabhängig von ihrem sachlichen Kern, reine Medienphänomene.Denken Sie nur an die Handke-Jugoslawien-Diskussion.

SCHEEL: Schon richtig.Doch Öffentlichkeit kann sich nur über die Medien organisieren.

TAGESSPIEGEL: Die Erfahrung der Verzweiflung kennen Sie nicht?

KLEINSCHMIDT: Das hat niemand behauptet.Verzweiflung ist aber eher eine Frage des Existentiellen, weniger des Professionellen.Im Beruf sollte man nicht so schnell verzweifeln.Man darf nicht vergessen: Es gibt das berühmte stille Lesen, die Wirkung nach innen.Man liest doch auch, um sich vom negativen Positivismus der Welt zu erholen, von der Tyrannei des Öffentlichen.

SCHEEL: Unseren Erfolg messen wir nicht daran, ob wir das Leitmedium sind - so wie die F.A.Z.eine Zeitlang mal das leitende Feuilleton hatte.Wir müssen nicht mit dem Speck nach dem Schinken werfen.Wenn doch mal irgendwo ein Schinken runterfällt und man denkt, das ist ja das Speckstückchen, das du geworfen hast - um so besser.

TAGESSPIEGEL: In welchen Bereichen unterscheiden Sie sich grundsätzlich vom Feuilleton? Viele Ihrer Autoren sind im Hauptberuf Journalisten.

SCHEEL: Erstens schreiben die meisten über andere Dinge als in ihrer Zeitung.Und zweitens gibt es immer wieder Beiträge, über die ein Autor sagt: Da würde ich bei meinem Blatt Probleme kriegen.Der "Merkur" und "Sinn und Form" sind sehr viel freier als jede Tageszeitung.Drittens können und müssen wir uns gar nicht mit der Tagespolitik auseinandersetzen.

KLEINSCHMIDT: Der Anachronismus ist unser Evolutionsvorteil.

TAGESSPIEGEL: 1989 haben Sie, Herr Kleinschmidt, "die Stunde echter Aktualität der Kultur" ausgerufen, "die Stunde der Zeitschriften".Wie lang hat für Sie der Aufbruch gedauert?

KLEINSCHMIDT: Solche Aufbrüche sind wie Gewitterblitze, die eine verborgene Landschaft erhellen.Aufbruchsstimmung, das ist eine Bewußtseinssteigerung von hohen Graden.Es liegt allerdings im Begriff der Steigerung, daß die Sache nicht von Dauer ist.Bald setzt die Ernüchterung ein, und irgendwann pendelt sich alles ein - bis zum nächsten Ereignissturm, vor dem uns Gott bewahren möge.Zeitschriften reagieren immer, direkt oder indirekt, auf die aktuelle Lage.Zur Lagebeurteilung gehören drei Fragen: Was ist? Was verschwindet? Was kommt? Aktualität besteht also aus drei Zeiten.Sie müssen miteinander in Osmose sein.

TAGESSPIEGEL: Sie sind pessimistisch geworden.

KLEINSCHMIDT: Die Kommunikation zwischen den Generationen ist nicht in dem Zustand, den man sich wünscht.Die Familienstruktur droht auseinanderzubrechen, und mit ihr der natürliche Ort dieser Kommunikation.Gerade in der Medienöffentlichkeit gibt es einen Grad von Vergötzung der Jugend, der an Schwachsinn grenzt.Man kann sehr viel Gutes über die Jugend sagen: daß sie kraftvoll ist und flexibel, daß sie Ideen hat und Temperament.Aber man kann nicht unbedingt sagen, daß sie am meisten Erfahrung besitzt.

SCHEEL: Wenn wir das Gefühl hätten, über junge Menschen im "Merkur" so zu reden, daß es so klingt, wie der erfahrene Mensch über den jungen Menschen seit Jahrhunderten redet, dann sollte das Glöcklein klingeln.Wir fragen nicht: Was droht verlorenzugehen? Wir fragen: Was ändert sich? Schlichten Kulturpessimismus halten Karl Heinz Bohrer und ich für unfruchtbar.Man ist zwar bei einem IQ von über 100 naturwüchsig Kulturpessimist, aber wir gehen damit selbstironisch um.

TAGESSPIEGEL: "Sinn und Form" geht in Frontstellung gegen die eigene Zeit.

KLEINSCHMIDT: Ich würde eher von Abstand reden.Frontstellung würde bedeuten, daß wir in der Sache polemisch wären."Sinn und Form" operiert aber viel eher aus der Bejahung als aus der Verneinung.Ich spreche von Werten beziehungsweise Ideen, nicht von Zuständen.Kulturkritik ist selbstverständlich notwendig.Gerade im Zeitalter der Werteerosion heißt es, intakte Wertbegriffe im Hintergrund zu haben.

SCHEEL: Wie wichtig sind Ihnen in diesem Zusammenhang in der Hegemonie der westlichen Kultur noch die osteuropäischen Akzente?

KLEINSCHMIDT: Ich sehe "Sinn und Form" nach wie vor als Zeitschrift mit Brückenfunktion.Die beiden deutschen Staaten hatten 40 Jahre lang ein Identitätsverständnis, das von der Bipolarität der Welt geprägt war.Aus welcher Differenz kommt jetzt eigentlich die Kritik? Von mir aus auch aus dem Staunen, das einen wie Heiner Müller erfaßte, als er über Sibirien flog und sich sagte: Das ist die Zeitreserve, Sibirien ist die Zeitreserve dieser Welt, das, was noch nicht in den Strudel der Akzeleration, der Beschleunigung, hineingezogen worden ist.

SCHEEL: Es gibt keine Kulturzeitschrift, die nicht kulturkritisch wäre.Der Unterschied ist, daß wir versuchen, uns als Basso continuo zu fragen: Wie kann man Kulturkritik auch noch kulturkritisch aufnehmen? Ich bin von meiner intellektuellen Sozialisation her der Frankfurter Schule verpflichtet.Aber ich habe auch eine Menge von Niklas Luhmann gelernt - den Versuch, als Beobachter immer wieder der Beobachter des Beobachters zu sein.Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich so selbstbewußt wie Sie auf Werte beziehen könnte.Da ist der "Merkur" zerrissener und gebrochener.

Moderation: Gregor Dotzauer.

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