Kultur : Der Anastasia-Komplex

Sandra Luzina

Wollen Frauen wirklich alle Prinzessinnen sein? Einen Dornröschen-Komplex hat man ihnen zwar noch nicht angedichtet, "Cinderella-Komplex" aber heißt ein Buch der amerikanischen Feministin Colette Dowling. Es gibt freilich auch ein Anastasia-Syndrom - diagnostiziert von der englischen Krimiautorin Mary Higgins-Clark. Sie hält es für möglich, dass jene Anna Anderson, die behauptet hat, die letzte Zarentochter zu sein, wirklich und wahrhaftig von der Seele Anastasias bewohnt war.

Als erste Ballettpremiere unter dem neuen Intendanten Udo Zimmermann zeigt die Deutsche Oper in Berliner Erstaufführung "Dornröschen - die letzte Zarentochter". Youri Vámos, seit 1996 Ballettchef der Deutschen Oper am Rhein, hat sich mit Adaptionen von berühmten Handlungsballetten einen Namen gemacht. Und wie jeder klassische Choreograph schleppt er einen "Dornröschen-Komplex" mit sich herum. Er bekennt sich zu seiner Liebe zum russischen Ballett zaristischer Prägung: Die bekanntesten Passagen der Choreograhie von Marius Petipa wurden übernommen. Zugleich schickt sich Vámos an, dem Ballettmärchen tiefenpsychologisch auf die Sprünge zu helfen - freilich in einer Schmalspur-Variante. Erzählt wird also die Geschichte der Anna Anderson, die im Februar 1920 in den Landwehrkanal sprang und nach ihrer Rettung behauptete, sie sei Anastasia Romanow und habe als einzige die Erschießung der Zarenfamilie überlebt. Bis an ihr Lebensende wird sie daran festhalten. Erst 1994 wurde anhand genetischer Untersuchungen bewiesen, dass Anna Anderson nicht mit den Romanows vewandt war. Es sind also die Erinnerungen oder Fantasien von Anna-Anastasia, die hier mit viel Kindergeburtstags-Überraschungs-Klimbim Gestalt annehmen. Der Anfang bebildert kurz das Trauma der Flucht, eine vermummte Gestalt in dickem Wintermantel und Russenmütze irrt durch das Dunkel. Dann konfrontiert Vámos seine Protagonistin mit einem monumentalen Gemälde des Zaren, die Suche nach dem toten Vater, die Erinnerung an eine verlorene Kindheit sind das Grundthema. Anna-Anastasia erträumt sich eine heile Mädchenwelt. Die Szenen im Zarenpalast sind von kaum zu überbietendem Biedersinn. Die kleine Prinzessin ist hübsch herausgeputzt und darf ein bisschen das Trotzköpchen mimen. In den Ensemble-Szenen mit ihren starren Reihen hebt der Tanz nie richtig ab. Die Hofdamen sehen mit ihren blauen Kappen aus wie Interflug-Stewardessen. Rasputin hat einen langen Bart, trägt ein gigantisches Kreuz um den Hals und bewegt sich auf satanischen Fersen.

Sandy Delasalle als Anna-Anastasia rettet den Abend. In die Arme eines Prinzen zu sinken, ist ihr nicht vergönnt. Stattdessen heftet sich Raimondo Rebeck an ihre Fersen - der Tod ist ihr ständiger Begleiter. Rebeck verleiht ihm eine düstere Unnahbarkeit. Die Pas de deux haben eine unterschwellig-morbide "Der Tod-und-das Mädchen"-Erotik. Das Motiv des blauen Vogels - der auch für den süßen Vogel Jugend steht - verbindet die Szenen und inspiriert Vámos durchaus zu einigen einprägsamen Passagen. Gleichwohl hat diese Inszenierung Angst vorm Fliegen. Im zweiten Akt, der im Winterpalast des Zaren spielt, werden dann die choreographischen Bijoux von Petipa präsentiert, der Ballettomane kommt ganz auf seine Kosten. Rebeck durchquert die Szene als düsterer Unbekannter, er ist der geheime Mittelpunkt der Inszenierung. Wo Vámos die klassische Linie bricht, mit dem Expressionismus flirtet, wirkt das steif und zu ausgetüftelt im Bewegungsdesign. Die Produktion verbindet viel Schauwert mit wenig Tiefgang. Tänzerisch ist sie freilich nicht das reine Vergnügen. Neben dem führenden Paar bietet der Abend kaum herausragende Solisten auf. Und dem Ensemble fehlt es schlicht an Präzision und Kraft. Die Truppe, die noch immer ohne prägenden Choreographen arbeitet, muss dringend wachgeküsst werden.

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