Kultur : Der andere Präsident

George Bush beruft sich bei der Präventiv-Kriegsdoktrin auf John F. Kennedy. Zu Unrecht – wie die Lösung der Kuba-Krise vor 40 Jahren zeigt

Volker Skierka

Am späten Nachmittag des 25. Oktober 1962 spitzte sich die Sondersitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zu einem Showdown der beiden Supermächte zu. Ein weltgeschichtlicher Moment: Adlai Stevenson, der UN-Botschafter der Vereinigten Staaten, nimmt vor den laufenden Fernsehkameras seinen sowjetischen Kollegen Valerian Zorin, der den Vorsitz führt, ins Visier – mit der Frage, ob die Sowjetunion Mittelstreckenraketen mit nuklearen Sprengköpfen auf Kuba stationiert habe und weiter dabei sei, solche zu stationieren. „Ja oder Nein?“, ruft Stevenson in die Runde. Zorin weicht aus: „Ich bin hier nicht in einem amerikanischen Gerichtssaal... Zu gegebener Zeit, Sir, werden Sie Ihre Antwort bekommen.“ Stevenson beharrt: „Sie sind jetzt hier im Gerichtssaal der Weltöffentlichkeit und können mit Ja oder Nein antworten!“

Als Zorin weiter laviert, setzt Stevenson nach: „Ich bin darauf vorbereitet, auf meine Antwort zu warten bis die Hölle einfriert... Ich bin jedoch auch darauf vorbereitet, hier in diesem Raum entsprechende Beweise zu präsentieren!“ Und er präsentiert dem überraschten UN-Sicherheitsrat bislang unter Verschluss gehaltene neueste Luftaufnahmen, die zweifelsfrei sowjetische Raketenbasen auf Kuba zeigen.

Dies war der frappierende Augenblick, in dem Amerika den überwiegenden Teil der Welt während der Kuba-Krise endgültig auf seine Seite brachte. Die von US-Präsident John F. Kennedy nach einer Fernsehansprache am 21. Oktober verhängte Seeblockade der Karibikinsel war zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Tag in Kraft und hielt. Die Sowjetunion schien einzulenken, ihre Schiffe machten kehrt. Die amerikanische Position, mit dieser Maßnahme auf friedliche Weise eine weitere Aufrüstung Kubas und den Abzug aller auf der Insel bis dahin stationierten Atomraketen zu erzwingen, wurde schließlich uneingeschränkt unterstützt von den 22 Mitgliedstaaten der Organisation Amerikanischer Staaten, den Partnern in der Nato, vor allem von England, Frankreich und Deutschland, und dann auch von einer Mehrheit der Mitglieder der Vereinten Nationen.

In seinen Erinnerungen an die dramatischen „Thirteen Days“ der Kuba-Krise gab John F. Kennedys Bruder Robert, der damalige Justizminister, den Politikern seines Landes eine ebenso simple wie entscheidende Mahnung mit auf den Weg: „In Zukunft könnte es wieder zu Raketenkrisen kommen – zweifellos von anderer Art und unter anderen Umständen. Allerdings, wenn wir dann erfolgreich sein wollen, wenn wir unsere eigene nationale Sicherheit zu schützen haben, werden wir Freunde nötig haben, werden wir Unterstützer brauchen, werden wir Länder brauchen, die uns vertrauen und respektieren und unserer Führung folgen.“

Das nächste Mal, dass die USA die Solidarität der Völker der Welt benötigten und sie auch ganz überwiegend bekamen, war nach den Terrorattacken des 11. September 2001. Anders als jetzt, da sich die Staatengemeinschaft vom Weißen Haus nicht ohne weiteres auf Kriegskurs gegen den Irak und seinen Diktator Saddam Hussein zwingen lässt. Im Gegensatz zu dem charismatischen, politisch weltläufig gebildeten und schnell im Amt gereiften Kennedy genießt George W. Bush, der von missionarischem Eifer und einem eher holzschnittartigen Weltbild geprägt ist, nicht das notwendige internationale Vertrauen.

Anders als seinerzeit die Kennedy-Administration vermochte Bushs Regierung trotz einer heute viel sensibleren und ausgereifteren Aufklärungstechnologie und trotz der seit dem letzten Golfkrieg konzentrierten Überwachung bisher keine überzeugenden Beweise für Iraks Verstöße gegen die UN-Auflagen vorzulegen. Der letzte Auftritt von Außenminister Colin Powell im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nahm sich gegen den von Adlai Stevenson vor 40 Jahren kläglich aus.

Bushs martialisches Gebaren verstärkt zudem den Eindruck, der Krieg sei seine erste Option und nicht – wie bei Kennedy – die Ausschöpfung aller friedlichen Alternativen. Dabei bemühte Bush im letzten Herbst Kennedy sogar als Zeugen für seine Politik und scheute sich in seiner Fernsehansprache an das amerikanische Volk und an die Welt auch nicht, dem früheren Präsidenten die Billigung der Idee eines nuklearen Erstschlags gegen potenziell tödliche Feinde zu unterstellen. Diese Dreistigkeit rief umgehend die beiden ehemaligen Kennedy-Berater Arthur Schlesinger und Theodore Sorensen auf den Plan. „Dafür würde er (Bush) bei mir in der Geschichtsprüfung durchfallen“, zitierte die „Herald Tribune“ Schlesinger. Und Sorensen, der Kennedys Fernseh-Ansprache 1962 formuliert hatte, erklärte, Bush habe Kennedys Worte völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „Denn Kennedy hat einen Erstschlag ausdrücklich ausgeschlossen.“

Und nicht nur das: Kennedy vermied kriegslüsterne Gebärden und Auftritte, lief nicht plötzlich in Uniform herum (obwohl er im Gegensatz zu Bush in der Armee gedient hatte und im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet worden war). Er enthielt sich pathetischer Reden und der fortwährenden Anrufung des Allmächtigen, obwohl die Menschheit damals dem Jenseits näher stand, als sie es ahnte. Der Katholik Kennedy, nur 45 Jahre alt, kaum zwei Jahre im Amt und sich der Lehren der 1961 gescheiterten Schweinebucht-Invasion auf Kuba bewusst, er meisterte die Gefahr eines Dritten Weltkrieges rational, entschlossen und in strategischen Dimensionen an die Zukunft denkend. Dies belegen die erst Ende der neunziger Jahre veröffentlichten Aufzeichnungen der geheimen Krisensitzungen des so genannten „Executive Committees“ des Nationalen Sicherheitsrates zwischen dem 16. und 28. Oktober 1962. Kennedy hatte im Weißen Haus Mikrofone und Tonbandgeräte installieren lassen.

In seiner Fernsehrede drohte er noch nicht einmal mit einer Invasion Kubas, obwohl in Florida 250000 Soldaten bereitstanden. Allerdings gab er Moskau in seiner von Bush missinterpretierten Rede gleichwohl zu verstehen: „Sollte eine Nuklearrakete von Kuba aus gegen irgendein Land in der westlichen Hemisphäre abgefeuert werden, werden wir dies als einen Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten Staaten ansehen, der mit einer direkten Vergeltung gegenüber der Sowjetunion beantwortet werden würde.“ Er betonte jedoch: „Es geht nicht um den Sieg der Macht, sondern um die Wiederherstellung des Rechts – nicht um Frieden um den Preis der Freiheit, sondern um beides, Frieden und Freiheit, hier in der Hemisphäre und, so hoffen wir, in der ganzen Welt.“

Vor diesem Hintergrund lohnt es, sich in Erinnerung zu rufen, wie im Herbst 1962 die Raketenkrise trotz der täglich explosiver werdenden Spannung auf friedliche Weise beigelegt werden konnte. Tatsächlich war die Bedrohung des Weltfriedens nach der Stationierung des sowjetischen Atomwaffen auf Kuba direkt vor der Haustür der USA viel größer und unmittelbarer als die aktuelle durch den seit 1991 in Schach gehaltenen Irak. In den damaligen Zeiten des Kalten Krieges lag es daher noch eher in der Logik der herrschenden Militärdoktrin, wenn die amerikanischen Generäle ihren Präsidenten drängten, kurzen Prozess zu machen.

Die Sowjets ahnten lange nichts davon, dass ihre heimliche Aufrüstung Kubas entdeckt worden war. Dadurch waren die Amerikaner bei einem Angriff im Vorteil. Selbst bei einem seit langem geplanten Treffen mit dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko am 18. Oktober behielt Kennedy die U-2-Fotos in seiner Schreibtischschublade. Obwohl einige der Abschussrampen bereits funktionsfähig waren, hätte es noch mehrere Stunden gedauert, die Raketen einsatzbereit zu machen. Durch einen überraschenden massiven Luftangriff auf die Raketenstellungen und hunderte anderer militärischer Einrichtungen, eine nachfolgende Invasion auf Kuba sowie eine Eliminierung des Revolutionsregimes unter Fidel Castro könnte man den Sowjets eine Lektion erteilen und in der Hemisphäre Washingtons zugleich die alte Ordnung wiederherstellen , so argumentierten die Falken im US-Generalstab und im Kongress.

Kennedy neigte anfangs auch zu einem Militärschlag, wie die Tonbandprotokolle belegen („Wir werden sie die Raketenstellungen] zerstören.“). Die Meinungen waren geteilt. Es waren Verteidigungsminister Robert McNamara und Außenminister Dean Rusk, die praktisch von Anfang an gegen einen Militärschlag waren und sich für eine Blockade einsetzten. Erst am 20. Oktober entschied sich Kennedy für diese Option. Es herrschte die Sorge, dass die Nato-Verbündeten einen Angriff auf Kuba nicht mittragen würden - aus Furcht, die Sowjets würden sich dann West-Berlin einverleiben. Doch da hatte Kennedy noch gemeint: „Das ist ein Risiko, das wir möglicherweise eingehen müssten.“ Er glaubte ohnehin: Chruschtschow „wird so oder so nach Berlin greifen“.

Die Entschlossenheit Kennedys bewegte Chruschtschow schließlich zu der Zusage, die Atomwaffen aus der Karibik abzuziehen. Zuvor zwar von ihm belogen, vertraute Kennedy diesmal auf des Sowjetführers Wort und hob die Blockade am 20. November auf, obwohl erst Ende Dezember wirklich alle Waffensysteme abgebaut waren. Während Castro die von den USA geforderten UN-Inspektoren auf seiner Insel ablehnte, machte Kennedy darum nicht viel Aufhebens. Er einigte sich kurzerhand mit Chruschtschow auf eine Inspektion der Schiffsladungen aus der Luft über dem offenen Meer. Der Preis der Amerikaner war die Zusage, künftig auf eine Invasion Kubas zu verzichten und veraltete Mittelstreckenraketen in der Türkei und in Italien abzurüsten.

Folgt man dem Argument, wonach die Kuba-Krise und die Irak-Krise nicht miteinander vergleichbar seien, weil sich damals zwei Supermächte gegenüberstanden und in Schach hielten, könnte man heute, da es nur noch eine Supermacht gibt, allerdings sagen: Das Fehlen eines Gleichgewichts des Schreckens senkt die Hemmschwelle für einen Angriffskrieg. Aber gerade um das zu verhüten, lastet heute auf der verbliebenen Supermacht die besondere Verantwortung, alles zu versuchen, eine friedliche Lösung im Nahen Osten zu suchen.

„Unsere Freunde, unsere Alliierten, und – wie Thomas Jefferson sagte – die Meinungen der Menschheit sind von entscheidender Bedeutung“, gab Robert Kennedy damals als Richtlinie der US-Politik zu bedenken. „Wir können weder eine Insel sein, selbst wenn wir es wünschten, noch können wir uns erfolgreich vom Rest der Welt absondern.“

Der Autor hat „Fidel Castro – Eine Biografie“ verfasst (Kindler Verlag, jetzt auch als Rowohlt Taschenbuch) und lebt in Hamburg.

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