Kultur : Der Angriff der Zombie-Fische

Kino mit Niveau – für die niederen Instinkte: das 17. Fantasy Filmfest in Berlin

Frank Noack

Muss ein Film von Außerirdischen handeln, um zum Fantasy Filmfest zu passen? Sind Trickaufnahmen erforderlich? Keineswegs. Auf den Plakaten wird die Veranstaltung als „Internationales Festival für Science Fiction, Horror und Thriller“ bezeichnet. Dabei zeigen für die Einbeziehung von Thrillern nicht alle Besucher Verständnis. Was hat eine absolut irdische, realistische Krimihandlung mit Fantasy zu tun?

Wird die Handlung jedoch rückwärts erzählt, bekommt auch die alltäglichste Geschichte etwas Fantastisches. In den vergangenen Jahren liefen so auf dem Fantasy Filmfest Christopher Nolans „Memento“ und Gaspar Noés „Irreversibel“ (deutscher Kinostart am 11. September), und in diesem Jahr sorgt „11:14“ für einen sehenswerten Abschluss. Regisseur Greg Marcks erhebt anders als Nolan und Noé keinen Kunstanspruch. Das Von-hinten-nach-vorn-Erzählen steht bei ihm nicht für Gedächtnisverlust oder Trauer. Es soll nur die Spannung erhöhen – und eine aberwitzige Geschichte noch aberwitziger erscheinen lassen.

Es ist spät abends, vierzehn Minuten nach elf. Einem Autofahrer fällt plötzlich eine Leiche vor die Windschutzscheibe. Zufällig kommen andere Autofahrer vorbei, auch Polizisten. Wie sich herausstellt, sind die anderen Personen nicht zufällig unterwegs. Und der Autofahrer ist auch nicht ganz so unbescholten. Bizarre Vorfälle finden in der jeweils nächsten Rückblende eine einfache Erklärung. Warum liegt mitten auf der Straße eine verletzte Blondine und nicht weit von ihr ein abgetrennter Penis? Warum bricht ein Jugendlicher in einen Krankenwagen ein, um das tiefgefrorene Genital zu klauen?

Noch ein Unterschied zu Nolan und Noé: Am Ende weiß man alles und muss den Film kein zweites Mal sehen. „11:14“ zeichnet sich nicht durch emotionale Tiefe aus und durch keinen doppelten Boden. Aber er ist spannend und präsentiert ein frisch agierendes Darsteller-Ensemble, allen voran Ex- „Dirty Dancing“-Star Patrick Swayze. Schmerzhafter Hinweis für Fans: Aus dessen Waschbrettbauch ist mittlerweile ein Bierbauch geworden.

Ein bizarrer Ensemblefilm eröffnet auch das Festival: James Mangolds Variante auf das Zehn-kleine-Negerlein-Spiel, „Identity“, kommt allerdings schon am 18. September regulär in die Kinos und soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren. Der Hauptreiz des Fantasy Filmfests liegt in den Raritäten, die nie wieder oder nur auf Video und DVD zu sehen sein werden. Über 70 Filme füllen das Programm, mehr als in den letzten Jahren. Trash und Splatter ist angesagt, verrückte Familien richten Unheil an – und wer Killeramazonen aus Hong Kong sehen will, darf auf keinen Fall „Naked Weapon“ verpassen. Fast ein Drittel der Filme stammt aus Ostasien. Aber auch Länder wie Dänemark und Chile, die man nicht gerade mit Horror und Fantasy verbindet, sind vertreten. Keine Frage, es werden überwiegend die niederen Instinkte angesprochen. Zynismus geht vor Humanismus. Niveaulos sind die Beiträge deswegen nicht. Kein anderes Festival bietet so intensive Blicke in menschliche Abgründe. Abseitige Gestalten bevölkern das japanische Gangsterdrama „Gozu“: Der Japaner Takashi Miike führt dem Publikum einen Barbesitzer mit falschen Brüsten und eine mannstolle Greisin vor, dazu tropfen schleimige Substanzen von der Zimmerdecke.

Durch Mut zum Minimalismus zeichnet sich „Dead End“ aus, ein Kammerspiel der Regisseure Jean-Baptiste Andrea und Fabrice Canepas, das eine Autofahrt durch einen dunklen Wald schildert. Vater, Mutter, Sohn, Tochter und Schwiegersohn sind auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier. Sie kommen nie an, denn sie haben eine endlose Einbahnstraße erwischt. Die Regisseure setzen auf skurrilen Humor und nuancierte Charakterzeichnung. Als Kontrast dazu sei das Zombie-Epos „Undead“ der australischen Brüder Michael und Peter Spierig empfohlen. Der schweigsame Held schießt locker Zombies in Stücke, wird aber selber infiziert – beim Angeln, als ihm ein untoter Fisch ins Gesicht springt. An seiner Seite kämpft eine Schönheitskönigin, die sich bei der erstbesten Gelegenheit (saurer Regen!) die Kleider vom Leib reißt. Gute Aliens kommen auch noch vor. Mehr Fantasy kann ein Film nicht bieten.

Ab Mittwoch eine Woche lang im Cinemaxx am Potsdamer Platz, täglich 9 bis 22 Uhr. Details unter www.fantasyfilmfest.com

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