Kultur : Der Anstößige

Ernst Nolte vergleicht in Rom Hitlerdeutschland mit Israel

Henning Klüver

Seit Jahrzehnten vergleicht der Historiker Ernst Nolte die wichtigsten Ideologien des 20. Jahrhunderts ohne „politisch korrekten“ Ansatz – um daraus „unabhängige“ Urteile zu gewinnen. Weil Nolte überall Ideologie wittert außer bei sich selbst, lässt sich mit ihm kaum noch fruchtbar diskutieren. Dass der inzwischen 80-jährige Nolte seit Jahren besonders in Italien hofiert wird, während er in der deutschen Öffentlichkeit kaum mehr eine Rolle spielt, liegt wohl daran, dass es in Italien an konservativen Denkern fehlt, die mehr können, als der Regierung in politischen Talkshows nach dem Munde zu reden. Aber ganz wohl war es Marcello Pera, dem Präsidenten des italienischen Senats, wohl nicht, als er einen Tag zuvor den Vortrag las, den Nolte dann am Dienstag auf seine Einladung hin als lectio magistralis in einem Nebensaal des römischen Senats gehalten hat. Da zog Nolte nämlich Parallelen zwischen der Politik Hitlers und Israels, was nicht nur einige Senatoren zu Unmutsäußerungen verleitete, sondern Roms Jüdische Gemeinde förmlichen Protest einlegen ließ. Ausgehend davon, dass Nolte die Sowjetunion, das Dritte Reich und Israel als „ideokratische“, sprich: ideologisch begründete Staaten auf eine Stufe stellt, nennt er Auschwitz als „einzigen Unterschied“ zwischen der Politik Hitlers und Israels. Israel betreibe seit frühesten zionistischen Zeiten eine Kolonialisierungspolitik wie Hitler-Deutschland – nur dass die israelische Politik durch die Überlebensangst des eigenen Volkes begründeter gewesen sei. Heute habe man deshalb im Westen mehr Mitleid mit den Palästinensern als mit den Opfern des Holocaust. Senatspräsident Pera, Philosoph und Popper-Schüler, baute nach guter liberaler Tradition den zu erwartenden Protesten vor. Er führte mit Nolte ein kurzes Gespräch in der römischen Tageszeitung „La Repubblica“, widersprach ihm in den wichtigsten Punkten – und gab dem deutschen Historiker die Gelegenheit, noch einmal seine Thesen zu wiederholen: Die Israelis verhielten sich wie die Nazis, der arabische Terrorismus sei nur eine Antwort auf den israelischen, das internationale Judentum finanziere Israel, die gegenwärtige amerikanische Regierung sei von jüdischen Kreisen majorisiert, der Terrorismus bin Ladens sei überbewertet und der Anschlag vom 11. September ein Werk (arabischer) Geheimdienste. Dass man ihn selbst als Rechten sehe, sei falsch. „1963 bin ich als Mann der Linken bezeichnet worden. Vielleicht bin ich heute zu meinen Anfängen zurückgekehrt.“

Ipse dixit.

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